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17.11.1890: Freie Gewerkschaften in Deutschland
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Die Trachtenbrodtstraße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg hat eine interessante Geschichte. Diese ist eng verbunden mit der Geschichte der Sozialdemokratie und dem Entstehen der freien Gewerkschaften in Deutschland. Für die braunen "Tausend Jahre" nach 1933 hieß sie Ypernstraße, doch bis 1933 hatte sie den Namen "Elmstraße" getragen.

Der Lebenslauf des Adolph Johannes von Elm, eines Arbeitervertreters aus Hamburg, ist dabei typisch für einen deutschen Gewerkschafter und Sozialdemokraten im 19. Jahrhundert.

Im Jahre 1878 hatte der deutsche Reichskanzler Bismarck nach zwei Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. und auch aus Furcht vor einer Revolution die so genannten Sozialistengesetze durchgesetzt. Dieses "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" war ursprünglich auf zweieinhalb Jahre befristet, doch wurde es immer wieder verlängert. Während dieser Zeit waren auch alle gewerkschaftlichen Betätigungen verboten. Wer nicht in der Illegalität arbeiten konnte oder wollte, wurde so ins Exil gezwungen, wie Adolph Johannes von Elm. Dieser flüchtete in die Vereinigten Staaten und blieb dort zwölf Jahre lang.

Im Jahr 1890 änderte sich die politische Lage in Deutschland innerhalb weniger Monate dramatisch. Der neue Kaiser Wilhelm II. war nicht mehr bereit, einen Kanzler zu dulden, der eine eigenständige Politik betreiben wollte. So veröffentlichte er gegen den ausgesprochenen Willen Bismarcks Arbeiterschutzgesetze, die so genannten Februarerlasse. Als kurz darauf auch die Sozialistengesetze nicht mehr verlängert wurden, trat Bismarck am 20. März 1890 zurück.

Mit dem Fall der Sozialistengesetze waren die Zeiten der Illegalität und der Verfolgung für die Gewerkschafter vorbei. Gesellschaftliche Anerkennung bedeutete das jedoch noch lange nicht, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galten Gewerkschafter und Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen".

Und auch der Kaiser hatte keineswegs etwa sein Herz für die Arbeiterbewegung entdeckt. Wie er tatsächlich über sie dachte, machte er häufig genug klar. Noch 1891 sagte er zu Rekruten des Garderegimentes in der Potsdamer Garnisonskirche:

Wilhelm II.: "Es gibt für euch nur einen Feind, und das ist mein Feind. Bei den derzeitigen sozialistischen Machenschaften kann es geschehen, dass ich euch befehle, auf eure eigenen Verwandten zu schießen, auf eure Brüder, eure Eltern. Möge Gott es verhüten, aber selbst dann müsst ihr gehorchen ohne zu murren."

Das Jahr 1890 war für die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften in Deutschland das Jahr des Aufbruchs. Zum ersten Mal konnten sie frei und ohne Angst vor Verfolgung arbeiten. Wie viele andere kehrte der Gewerkschafter Elm aus dem Exil zurück und nahm seine politische Tätigkeit wieder auf. Und er war auch dabei, als im November 1890 der erste freie Gewerkschaftskongress in Deutschland zusammentrat.

In den Jahren der Illegalität waren es kleine, lokal organisierte Vertretungen gewesen, die für die Rechte der Arbeiter gekämpft hatten. Diese Fachverbände der Drechsler, Tischler, Zigarettensortierer oder Maurer entsandten nun ihre Abgeordneten zum ersten deutschen Gewerkschaftstag nach Berlin. Mit Emma Ihrer aus Velten war auch eine Repräsentantin der Arbeiterinnenbewegung vertreten.

Der Hauptstreitpunkt, um den erbittert gerungen wurde, entzündete sich an der Frage nach der künftigen Verbandsstruktur. Sollte man weiter in kleinen, lokal gebundenen Fachverbänden arbeiten oder sich lieber in einem großen Dachverband zusammen schließen? Als am 17. November der Kongress seine Resolution verfasste, hatten die so genannten Zentralisten zumindest die Wortführerschaft errungen. In dieser Resolution heißt es unter anderem:

Zitat: "In Erwägung, dass die lokale Organisation den heutigen Produktionsverhältnissen nicht mehr entspricht, die wirtschaftliche Notlage des Arbeiterstandes vielmehr die Zusammenfassung aller Kräfte dringend erheischt, erklärt die Konferenz die zentralistische Organisationsform als die zur Zeit allein richtige. Die Konferenz empfiehlt daher allen Lokalvereinen, sich der betreffenden Organisation anzuschließen."

Der Streit zwischen den Zentralisten und den Lokalisten war damit allerdings nicht beigelegt. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis sich der Gedanke durchsetzte, dass gerade eine Arbeitervertretung einen starken und einigen Dachverband braucht. Abschließend setzte die Versammlung eine Kommission ein, die einen Nachfolgekongress organisieren sollte.

Zitat: "Die Konferenz wählt aus ihrer Mitte eine Kommission von sieben Mitgliedern, welche die Vorlage für den Kongress auszuarbeiten, Zeit und Ort desselben festzustellen und denselben einzuberufen hat."

Zu diesen sieben Mitgliedern gehörten auch der Vertreter der Zigarettensortierer, Adolph Johannes von Elm, und der Vorsitzende der Drechslervereinigung, Carl Legien. Dieser sollte zwei Jahre später der Vorsitzende des ersten Gewerkschaftsdachverbandes werden.

Die Trachtenbrodtstraße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, die bis 1933 Elmstraße geheißen hatte, liegt in einem Viertel mit preiswerten Arbeiterwohnungen. Dieses Siedlungsprojekt, das mit Gewerkschaftsgeldern finanziert worden war, trug den Namen des ersten Vorsitzenden eines freien deutschen Gewerkschaftsbundes: Carl Legien.

Autor: Dirk Kaufmann
   
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