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24.12.1837: Mythos "Sisi": Geburt einer Kaiserin
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Am Heiligabend des Jahres 1837, einem Sonntag, kommt im Münchener Stadtpalais der Herzöge in Bayern ein Mädchen zur Welt. Einst wird sie die berühmteste Frau ihrer Zeit sein. Ein Mythos, dessen Faszination bis heute anhält: Elisabeth Amalie Eugenie Herzogin in Bayern, Kaiserin von Österreich, zärtlich genannt "Sisi".

Dr. Brigitte Hamann: "Bei den Geschwistern der Elisabeth, den Herzoginnen in Bayern, den Schwestern, da muss man ja sagen, dass eine schöner war, als die andere. Und Elisabeth hat sich ja sehr, sehr gerne mit ihren eleganten und schönen Schwestern auch gezeigt zusammen und hat sich auch gleich gekleidet. Und dann sind diese schönen Frauen aufgetreten und dann haben sie also die Legende mal zwei gestrickt."

Schönheit ist Sisis größtes Kapital. Wie Dr. Brigitte Hamann, die maßgebliche Elisabeth-Biografin weiß, machen sie Marmorteint, knielanges Haar, Wespentaille und feenhafte Grazie schon als Teenager unwiderstehlich. Die Wahl fällt auf sie, als ihr Cousin, der junge Kaiser Franz-Joseph von Österreich, eine standesgemäße Gattin sucht. Sisis ältere Schwester Helene, eigentlich vom Hof zur Kaiserbraut erkoren, hat das Nachsehen. Dr. Ulrich von Otto-Kreckwitz, Urgroßneffe der Kaiserin, erinnert sich:

Dr. Ulrich von Otto-Kreckwitz: "Franz-Joseph hat diese Frau sehr geliebt. Sie hatten vier Kinder, das erste ist früh gestorben, dann kam Rudolph, dann kam die Erzherzogin Gisela und dann, die letzte Erzherzogin hat ja alle überlebt."

Die Liebe bleibt einseitig. Das unpersönliche Hofleben ist für die hypersensible Elisabeth unerträglich. Ihren pflichtbewussten Gatten findet die vielsprachige Kunst- und Naturliebhaberin eher langweilig. Für Repräsentations- und Mutterpflichten ist kein Platz in ihrem Leben zwischen Körperkult, Ästhetik und Bildung.

Dr. Brigitte Hamann: "Für ihre Kinder hat sie verschieden sich eingesetzt, also für den Rudolph kaum, für die Gisella eigentlich überhaupt nicht. Nur für die Marie-Valerie, das war immer klar, sie hatte ein Lieblingskind, die anderen beiden sind eigentlich ziemlich einsam aufgewachsen. Also, als Mutter kann sie nicht so als großartig eingeordnet werden von den Historikern."

Das verhasste Hofleben zerrüttet Elisabeths Nerven. Die Magersüchtige flüchtet in endlose Reisen, der Wiener Hof bekommt sie kaum noch zu sehen. Den Selbstmord ihres Sohnes Rudolf in Mayerling nutzt Elisabeth als Vorwand, um sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Der Mythos von der geheimnisvollen, unnahbaren Schönen beginnt.

Prof. Ulrich von Otto-Kreckwitz: "Sie war eine Beauté, und sie war eine sehr, sehr eitle Frau, eine sehr egozentrische und narzisstische Frau. Und der Verfall ihrer Schönheit hat ihr sehr weh getan. Zum Beispiel, was niemand wusste, sie hatte falsche Zähne damals schon und hat das sorgfältig verborgen. Und dann: Ihr Gesicht zerfiel, was wunderschön war; die schönen Haare waren dahin."

In jungen Jahren lässt Elisabeth ihre Schönheit nach Kräften fotografisch dokumentieren und veröffentlichen. Aber Spuren des Alters darf niemand sehen. Durch einen Kunstgriff bleibt sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit ewig jung: Ab ihrem dreißigsten Lebensjahr entstehen keine neuen Bilder mehr. Die alten werden retuschiert und als aktuell verkauft. Ihr wahres Gesicht verbirgt Elisabeth konsequent hinter Schleiern und Fächern. Die ständige Flucht vor neugierigen Blicken macht sie einsam. Ihre letzten Lebensjahre in selbstgewählter Isolation füllt Elisabeth mit Poesie.

Kaiserin Elisabeth, "An die Zukunftsseelen": "Ich wandle einsam hin auf dieser Erde, der Lust, dem Leben längst schon abgewandt; es teilt mein Seelenleben kein Gefährte, die Seele gab es nie, die mich verstand."

Im September 1898 stößt ein Attentäter eine Feile in das Herz der 60-Jährigen. Er tötet eine kauzige, gealterte Frau, die nicht mehr am Leben hängt. Denn für die Unsterblichkeit ihrer Legende hat sie längst gesorgt: Es ist das Märchen von der vollkommenen Schönheit, der Mythos "Sisi".

Autorin: Cartrin Möderler
   
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