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16.5.1996: Erster Karneval der Kulturen
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Die Veranstaltung trifft von Anfang an das Lebensgefühl vieler Berliner. Dieser Erfolg überrascht selbst die Organisatoren des Umzugs denn: Karneval hat in Berlin keine Tradition. Für die langjährige Projektleiterin des Karnevals der Kulturen, Anett Szabo gleicht der Erfolg des Straßenumzugs noch immer einem kleinem Wunder: "Sich vorzustellen, dass im Norden Deutschlands ein Karneval stattfinden könnte, und wie der wohl hier in Berlin aussehen könnte. Das war kaum zu erklären. Das musste dann einfach im Mai 1996 einmal passieren. Und es passierte mit einem erstaunlichen Publikum, mit einem erstaunlichen Teilnehmerfeld. Es waren schon beim ersten Mal 2.200 Menschen in diesem Straßenumzug. Und 50.000 waren an der Straße und haben sich diesen Umzug angeguckt."

London, Rotterdam und Kreuzberg

Der 16. Mai 1996 ist ein viel zu kalter und viel zu trüber Frühlingstag. Aber das Wetter kann die ausgelassene Stimmung der vielen Menschen in Berlin-Kreuzberg nicht drücken. Der Ort ist mit bedacht gewählt: In Kreuzberg leben überdurchschnittlich viele Ausländer. Der Bezirk gilt als das multikulturelle Herz von Berlin, auch wenn dort Deutsche und Ausländer meist nur nebeneinander, statt miteinander leben.

Die Idee für den Karneval der Kulturen stammt aus anderen Städten, zum Beispiel aus London mit seinem Notting Hill Carnival und Rotterdam mit seinem Zomercarnaval. Der damalige Geschäftsführer des Veranstalters "Werkstatt der Kulturen", Andreas Freudenberg, hat vor allem das Potential im Auge, das sich mit dem Karneval für die deutsche Hauptstadt bietet: "Die Emigrantenszene ist ein enormes kulturelles Potential für die Stadt. Berlin ist eine Metropole. Metropolen leben davon, dass sie eine internationale Bevölkerung haben, und es prägt auch die Kultur einer solchen Stadt und da mischen wir mit."

Multikulti

Die Werkstatt der Kulturen muss nicht lange nach Teilnehmern für den ersten Karneval der Kulturen suchen. In ganz Berlin finden sich internationale Tanz- und Musikgruppen. Aus allen sozialen und kulturellen Schichten melden sich Menschen an, die teilnehmen wollen.

Es ist, als habe die Stadt nur auf denjenigen gewartet, der die Idee eines multikulturellen Karnevals in die Tat umsetzen wird. Andreas Freudenberg dazu: "Ich glaube, es ist zunächst mal vor allem der Ausdruck, der ganz normale menschliche Ausdruck, dass jede Kultur oder jede Gruppe eigentlich das Bedürfnis hat, sich kulturell einzubringen in einen Zusammenhang, in einen gegebenen kulturellen Zusammenhang."

Der Bär tanzt Samba

Die Suche nach geeigneten Sponsoren ist dagegen schwierig. Seit 1989 gibt es in Berlin bereits einen anderen Straßenumzug. Die Loveparade zieht bis zum Jahr 2006 Techno-Fans aus aller Welt in die Hauptstadt. In eine unbekannte Veranstaltung möchte Mitte der 1990er-Jahre kaum jemand investieren. Mit viel Eigeninitiative gelingt es dennoch, die Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Es hilft auch, dass das notorisch verschuldete Berlin im allerletzten Moment seine minimalen finanziellen Zusagen einhalten kann. Dass sich der Karneval der Kulturen in den folgenden Jahren zu einem Aushängeschild für die Stadt entwickeln wird, kann 1996 noch keiner vorhersehen.

In den Folgejahren entwickelt sich der Karneval zu einem der wichtigsten Events der Hauptstadt. Davon ahnen die Besucher des ersten Karnevals der Kulturen am Abend des 16. Mai 1996 noch nichts. Sie machen sich jedoch mit einer neuen Erfahrung auf den Heimweg. In Berlin steppt nicht nur der Bär - er tanzt sogar einmal im Jahr Samba.


   
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