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19.10.1972: Literatur-Nobelpreis für Heinrich Böll
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Die Nachricht kam für Heinrich Böll völlig überraschend im Urlaub: Seine Sekretärin hatte ihn in einem Hotel in Athen angerufen. Er solle den Nobelpreis für Literatur erhalten, so die freudige Überraschung und zwar allein. Gerüchte über eine Teilung des Preises, schon 1972 mit immerhin 160.000 Euro dotiert, waren damit vom Tisch.

Die Auszeichnung der Schwedischen Akademie sollte zum neunten Mal an einen deutschsprachigen Autor verliehen werden. Das pikante daran: Zum ersten Mal an einen Autor der Bundesrepublik Deutschland. Durchaus eine politische Entscheidung, meinte Heinrich Böll: "Die Verleihung eines internationalen Preises diesen Ansehens und diesen Gewichts, womit ich auch durchaus das finanzielle Gewicht meine, hat insofern eine politische Komponente, als dieser Autor, egal woher er kommt, in einer bestimmten Sprache schreibt und in einen bestimmten politischen Zusammenhang gerät, innenpolitisch und außenpolitisch. Diese Problematik kann die Schwedische Akademie überhaupt nicht vermeiden. Besonders gereizt und besonders schwierig scheint es zuzugehen, wenn ein Deutscher oder ein Russe den Preis bekommt."

Zeitgeschichtlicher Weitblick

Böll war nicht irgendein Deutscher. 1917 geboren und unter kleinbürgerlichen Verhältnissen groß geworden, erklomm er die literarische Ruhmesleiter Schritt für Schritt. Nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg machte er bereits mit Hörspielen und Kurzgeschichten von sich reden. Vor allem aber sein Anti-Kriegsroman "Wo warst du Adam?" sorgte in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit und brachte ihm erste Lorbeeren ein.

Mit jedem neuen Buch wechselte Böll Perspektive und Erzähltechnik, spielte mit Form und Sprache. Kein Wunder, dass die Schwedische Akademie ihm den Preis zuerkannte. Man habe Böll ausgewählt, hieß es in der Begründung, für "eine Dichtung, die durch ihren zeitgeschichtlichen Weitblick in Verbindung mit ihrer von sensiblem Einfühlungsvermögen geprägten Darstellungskunst erneuernd im Bereich der deutschen Literatur gewirkt hat."

Seiner Heimat war Heinrich Böll verbunden, kein Wunder, dass er bei der Preisverleihung auch über Deutschland sprach: "Jungfräulich oder gar unschuldig ist dieser Boden nicht, und er ist nie zur Ruhe gekommen. Dieses begehrte Land am Rhein, von Begehrlichen bewohnt, hat zahlreiche Herrscher gehabt, entsprechend viele Kriege gesehen, koloniale, nationale, regionale, lokale, konfessionelle, es hat Weltkriege gesehen, Pogrome, Vertreibung und immer wieder kamen Vertriebe anderswo her und wurden anderswohin vertrieben. Und dass man dort Deutsch sprach, war zu selbstverständlich, als dass man es nach innen oder nach außen hätte demonstrieren müssen."

Engagement für die Schwachen, Eintreten für Gerechtigkeit

Doch so stark der rheinische Dichter seine Leserschaft faszinierte, so sehr provozierte er den Zorn von Politik und Establishment: In Wuppertal meditierte er über die "verfaulenden Reste der Staatsmacht", in Köln ging er gegen die Notstandsgesetze auf die Straße und Beate Klarsfeld, die Bundeskanzler Kiesinger geohrfeigt hatte, schickte er Blumen. Voreilig wurde er von einigen zum Kumpanen von Terroristen und Kriminellen erklärt: "Ich führe das auf ein total gestörtes Verhältnis der Deutschen zu ihren Intellektuellen und ihrer Literatur zurück. Jemand der sich hin und wieder kritisch äußert, dem wird fast nahe gelegt, seine Staatsbürgerschaft niederzulegen. Das ist eine verrückte Tradition in unserem Land, dass man nicht begreift, dass es den Status sehr kritischer Loyalität geben kann. Ich bin Bürger der Bundesrepublik Deutschland, ich zahle meine Steuern dort, sogar überzeugt und maße mir an als Bürger des ersten Tages, ich bin also vom ersten Moment der Bundesrepublik an Bürger, die Entwicklung der Gesellschaft hin und wieder zu kritisieren. Und das missversteht man."

Missverstanden wurde Bölls Engagement für die Schwachen, sein Eintreten für Gerechtigkeit, gegen soziale Missstände, vor allem aber gegen das Vergessen und Verdrängen der jüngsten Geschichte.

Der damalige Ministerpräsident Bayerns, Franz-Josef Strauß, befürchtete einen Missbrauch des Nobelpreises für politische Werbung. Und jahrelang musste sich Böll Angriffe der Springer-Presse gefallen lassen. Mit der Nobelpreisverleihung verband Böll die Hoffnung ein wenig mehr Ansehen genießen zu können. Ein Trugschluss, wie sich erst Jahre später herausstellen sollte ...


Autor: Klaus Enderle
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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