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22.4.1945: Kampf um Berlin beginnt
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Renate Scholz: "Seit ein paar Tagen hörten wir es schon von Ferne schießen. Deshalb machten wir uns auf alles gefasst. Für den Lebensmittelvorrat zimmerte mein Vater eine Kiste zurecht. Alle Flaschen, die leer waren, wurden mit abgekochtem Wasser gefüllt und in den Keller gebracht."

Renate Scholz ist neun Jahre alt als sie diese Zeilen schreibt. In einem Schulaufsatz berichtet sie über die letzten Tage des Krieges. Nacht für Nacht, immer wieder in den Luftschutzkeller. Noch heute erzählt sie davon:

Renate Scholz: "Man ging mit Schulmappe, Lieblingspuppe, Lederschuhen, Gummischuhen, zwei Mal Mäntel, zwei Mal Wäsche. So ging man in Keller und jeder wusste, was er zu greifen hatte und schlaftaumlig, wie man war, hat man das geschafft noch das eine Bein über ein so ganz großes dickes Rohr zu nehmen."

Auch ihre ältere Schwester hat einen Schulaufsatz geschrieben. Helga Neugebauer war damals 13 und auch sie schildert einen Bombenangriff:

"Am Sonntag waren wir gerade beim Mittagessen, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Brausen in der Luft zu hören war. Wir sahen uns alle entsetzt an. Das Brausen wurde stärker. Man spürte, wie die Erde von einer ungeheuren Kraft angezogen wurde. Darauf ein gewaltiges Krachen und Bersten, Fensterflügel sprangen auf, Scheiben klirrten, man konnte vor Staub und Dreck nichts sehen. Meine jüngere Schwester suchte bei meiner Mutter Schutz. Ich selbst kroch, ich weiß nicht wie, vor Angst unter den Tisch. Als der Staub und Dreck verflogen war, sahen wir, was passiert war. Eine Fliegerbombe war in dem uns schräg gegenüberstehenden Hause eingeschlagen. Während meine Eltern die Fenster vernagelten, machten wir Kinder, dass wir in den Keller kamen."

Alltag in den letzten Kriegstagen in der Reichshauptstadt. Die Menschen verbringen die meiste Zeit im Luftschutzkeller. Jeden Abend neue Bombenangriffe, brennende Häuser, oft wird es kaum richtig hell. Im Hintergrund ist immer das Donnergrollen zu hören. Auf der Straße liegen Trümmer, Panzersperren werden errichtet. Die Kinder müssen längst kaum noch zur Schule. In Berlin herrscht Chaos.

Die beiden Schwestern Renate und Helga haben das Bild noch vor sich: "Gespenstisch. Ja und froh, dass das eigene Haus noch steht. Und dann war man natürlich froh, wenn es nur nebenan krachte. Nur nebenan krachte, ja. Oder, dass wir dann doch noch ne Wohnung hatten, wo wir dann durch die Tür gehen konnten und sie zumachen konnten. Fenster waren ja schon zugenagelt."

Doch die Propaganda tönt weiter. Obwohl kaum noch jemand daran glaubt, wird im Reichsrundfunk weiter der Führerkult betrieben: "An der Spitze der Verteidigung Berlins steht unser Führer. Diese Tatsache schon allein gibt dem Kampf um Berlin sein einmaliges und entscheidendes Gesicht. Wie in der Kampfzeit, wie immer in seinem ganzen Leben, weicht der Führer der letzten Entscheidung nicht aus, sondern stellt sich unter Einsatz seiner ganzen Person an die Spitze des Kampfes."

Die Schwestern: "Mein Vater kam dann nach oben an unser Bett und sagte: 'Der Krieg ist aus. Hitler ist tot.' Und wir drehten uns um und sagten: 'Ist das schön', obwohl wir keine Vorstellung hatten, was das bedeutet, dass nun jetzt kein Krieg mehr ist. Das wir jetzt das Bewusstsein hatten, es ist aus. Was da aus ist, die Schwere des Ganzen, das hatte man natürlich als Kind lange nicht so begriffen. Aber das es besser werden sollte, das stand so da drüber."

Danach, erzählt Renate Scholz, konnten sie nach Tagen erstmals wieder beruhigt schlafen. Auf einmal war wieder Hoffnung da. Auch die Angst vor den Russen, die allgegenwärtig war, war für einen kurzen Moment verflogen. Schon ein paar Tage später zogen die Russen auch in die Straße von Helga und Renate auf dem Prenzlauer Berg ein.

Autor: Gábor Halász

   
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