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4.10.1830: Belgien unabhängig
Das Théâtre de la Monnaie in Brüssel. Das Haus war ausverkauft an diesem Mittwoch, den 25. August 1830. Auf dem Spielplan stand die damals populäre Oper "Die Stumme von Portici", komponiert von dem Franzosen Daniel François Auber. Die Oper handelt vom Aufstand der Neapolitaner gegen die Spanier.

Das Belgische Publikum im Théâtre de la Monnaie war ergriffen, mehr noch: Als der Tenor die Freiheitsarie anstimmte, drängte das Publikum zunächst auf die Bühne - und dann auf die Straßen. Die Revolution, entfacht durch die Oper, nahm ihren Lauf. Auf Hausschmierereien in Brüssel hatte es sich bereits angedeutet.

Zitat: "Am Montag Feuerwerk, am Dienstag Festbeleuchtung, am Mittwoch Revolution."

Das Jahr 1830 sah ganz Europa in Unruhe. Zu unerträglich waren die Beschlüsse des Wiener Kongresses aus dem Jahre 1815 geworden. Auf der postnapoleonischen Konferenz wurde Europa ohne Fingerspitzengefühl und Rücksicht auf nationale Eigenheiten neu geordnet.

Überall brachen Aufstände aus: in Polen, in Deutschland, in Italien. Die Aufstände in Belgien sollten das Land grundlegend verändern. Der Zorn der Belgier richtete sich gegen den niederländischen König Wilhelm I. Der Wiener Kongress hatte den Verbund der 17 Niederländischen Provinzen aus dem Burgunderreich wieder bestätigt. So wurde Belgien dem Königreich Niederlande einverleibt.

Wilhelm I. hatte den seit langem aufgestauten Unmut im Süden seines Landes unterschätzt. Missernten und in schwindelerregende Höhen kletternde Lebensmittelpreise waren nicht die einzigen Gründe, die das Fass zum Überlaufen brachten. Zum Beispiel wurde Niederländisch den Menschen in und um Brüssel als Amtssprache aufgebürdet.

Der Unmut über all die Weisungen aus dem fernen Den Haag entlud sich nach der Opernaufführung. Bis spät in die Nacht wurden Häuser von Ministern und anderen Kostgängern des Oranierkönigs in Schutt und Asche gelegt.

Vier Wochen später entsandte Wilhelm I. ein Heer von 10.000 Soldaten nach Brüssel. An dessen Spitze Prinz Frederik, Sohn des Königs. Das Ziel der Mission war klar vorgegeben: Für Ruhe und Ordnung sollte gesorgt werden. Als die königlichen Truppen am 23. September in die Stadt einrückten, wurden sie mit einem Hagel von Gewehrkugeln, Steinen, Kochtöpfen und sogar Matratzen empfangen. Den Truppen gelang es, bis an den Park vor dem königlichen Schoß vorzudringen. Dort aber versperrten Barrikaden, die hartnäckig verteidigt wurden, jeden weiteren Vormarsch.

Nach vier Tagen, die auf beiden Seiten über 500 Menschen das Leben kosteten, zogen sich die Niederländischen Soldaten geschlagen aus Brüssel zurück. Die siegreichen Revolutionäre hatten unterdessen eine provisorische Regierung errichtet. Die rief am 4. Oktober 1830 die Unabhängigkeit Belgiens aus.

Was waren die Gründe für den rasanten Weg in die Unabhängigkeit? Das aufgebrachte Nachspiel einer Opernaufführung und eine Schlacht mit Kugeln und Matratzen konnten kaum ausreichen, die Belgische Unabhängigkeit zu erringen. Den Revolutionären in Brüssel kam es gelegen, dass die meisten absolutistischen Herrscher in Europa in Folge der Julirevolution in Paris vollauf mit sich selber beschäftigt waren. Unruhen mussten in den eigenen Ländern niederzuschlagen werden, so dass dem niederländischen Vetter nicht zur Hilfe geeilt werden konnte.

Nach der Unabhängigkeit folgte die Wahl zum verfassungsgebenden Nationalkongress. Belgien wandelte sich von einem autokratischen Staat in eine konstitutionelle Monarchie. Der Nationalkongress konnte sich erst nach langem Ringen auf einen Herrscher einigen.

Am 21. Juli 1831, die Revolution war fast ein Jahr alt, legte der deutsche Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha, Witwer der englischen Kronprinzessin Chartotte Auguste, den Eid auf die belgische Verfassung ab und sagte: "Ich bin Belgier, weil ihr mich dazu gemacht habt."

Der Niederländische König sah dem Treiben in Brüssel zähneknirschend zu. Wilhelm I. konnte sich mit der Halbierung seines Reiches nicht abfinden. Kurz nachdem Leopold I.den Thron bestieg, rückten die Truppen des Oranierkönigs in Belgien ein. Im so genannten Zehntägigen Feldzug konnten die erst im Aufbau befindlichen belgischen Truppen vernichtend geschlagen werden.

Obwohl die Oranier durch heranrückende französische Einheiten vertrieben wurden, konnten ganze Küstengebiete und die Region um Maastricht dem Königreich wieder einverleibt werden. Zur endgültigen Befriedung und einer dauerhaften Grenzziehung zwischen den beiden Staaten kam es erst durch die Unterschrift der so genannten Londoner Verträge im Jahre 1839, neun Jahre nach der folgenreichen Opernaufführung in Théâtre de la Monnaie.

Autor: Oliver Ramme
   
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