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5.10.1956: Erste Telefonseelsorge in der Bundesrepublik
"Bevor Sie sich das Leben nehmen, rufen Sie mich an! Telefon: Mansion House 9000."

So konnte man 1953 in der Londoner "Times" lesen. Die Anzeige hatte der anglikanische Pfarrer Chad Varah aufgegeben, da ihn die hohe Selbstmordrate der britischen Hauptstadt aufgeschreckt hatte. Das englische Vorbild fand bald Nachahmer in ganz Europa.

Jürgen Hesse: "In Deutschland, also hier in West-Berlin, haben sich fünf Leute zusammengefunden. Und wenn sich fünf Leute zusammenfinden, dann gründen sie einen Verein."

Jürgen Hesse ist Diplom-Psychologe und seit 20 Jahren Geschäftsführer der Telefonseelsorge Berlin e.V., jenes gemeinnützigen Vereins, mit dem am 5. Oktober 1956 in Deutschland alles begann.

Jürgen Hesse: "Ein gemeinnütziger Verein ist entstanden. Es ist vielleicht nicht ganz so einfach zu sagen, wer nun Vater der Idee gewesen ist. Im Grunde genommen gilt ein Ehepaar als Urzelle, das Ehepaar Würziger, und die haben es in ihrer Wohnung in der Mommsenstrasse angefangen. Später kam der Dr. Thomas da hinzu, der auch bekannt geworden ist als Buchautor. Er ist Pfarrer, Mediziner und studierter Pädagoge."

In den ersten Tagen und Nächten nach der Bekanntgabe der Nummer blieb das Telefon der Familie Würziger in der Mommsenstrasse in Charlottenburg nicht mehr still, so dass man nach vier Wochen in Büroräume nahe Bahnhof Zoo umzog.

Parallel hatten sich auch in anderen deutschen Städten vergleichbare Initiativen gebildet. Im Februar 1957 wurde auf Betreiben des Kirchenrats Erich Stange in Kassel eine Telefonnummer geschaltet. Es folgten die erste katholische Telefonseelsorgestelle in Frankfurt sowie zwei weitere evangelische Stellen in Hamburg und Köln.

In den 1960er Jahren kam es zu weiteren vereinzelten Gründungen im ganzen Bundesgebiet, besonders aber in größeren Städten. Erst in den 70er Jahren setzte ein Gründungsboom ein: Die Telefonseelsorge war nun keine skeptisch beäugte Neuheit mehr, sondern wurde zur allgemein anerkannten Institution. Bis zu Beginn der 1980er Jahre wurden nun auch Stellen in kleineren Städten und Gemeinden eröffnet, ein dichtes Netz war nun über Westdeutschland geknüpft.

In der DDR wurden ab 1983 staatliche "Telefone des Vertrauens" und ab 1986 kirchliche "Telefonseelsorgen" eingerichtet, bis zur Wende aber zunächst nur in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden.

Heute sind all diese Stellen, auch die nicht von den Kirchen getragenen Vereine, in einem Dachverband zusammengeschlossen. Unter den zur Zeit existierenden 120 Stellen sind es nicht mehr als eine Handvoll gemeinnütziger Vereine wie in Berlin. Auch diese stünden der Kirche nahe, betont Jürgen Hesse, doch gelte allgemein:

Jürgen Hesse: "Die Arbeit der Telefonseelsorge ist keine Missionsarbeit. Hier sitzt nicht jemand, der sofort mit Ihnen betet, der fragt, ob Sie Kirchensteuer bezahlen. Dennoch ist das Wort Seelsorge ein Begriff aus dem kirchlichen Bereich."

So sitzen am Telefon auch keineswegs nur Theologen oder Psychologen. Die jeweils zwischen 70 und 120 ehrenamtlichen Telefonseelsorger pro Stelle kommen aus allen Berufsschichten. Mediziner, Lehrer, Bibliothekare und Bankangestellte sind es beispielsweise in Berlin. Dabei sind die Stellen chronisch unterbesetzt.

In Berlin hat man drei Notrufleitungen, wovon aber nur zwei besetzt werden können. Die sind dann aber rund um die Uhr zu erreichen - wenn man durchkommt. 700 mal am Tag bleibt es beim Versuch. Das gilt besonders für die Stoßzeit zwischen zwanzig Uhr abends und drei Uhr morgens und - Notrufe lassen sich nicht verschieben.

Die Themen, wegen derer Menschen anrufen, haben sich über die Jahrzehnte nicht so sehr geändert wie man annehmen könnte: Einsamkeit, Partnerschaftsprobleme und Krankheit sind unverändert die häufigsten Gründe, sich an die Telefonseelsorge zu wenden. Und auch die Suizidprävention, die am Anfang der Geschichte der Telefonseelsorge stand, bleibt ein wichtiges Thema. Zwar ist nicht jeder Anrufer selbstmordgefährdet, wie Jürgen Hesse betont:

Jürgen Hesse: "Dennoch muss man sich verdeutlichen, dass mindestens einmal am Tag einer anruft, der schon die Tabletten geschluckt hat, das Fenster geöffnet hat, also unmittelbar vor einer suizidalen Handlung ist oder direkt in einer drin ist, so dass wir möglicherweise der letzte Gesprächspartner sind."

Autor: Dirk Stroschein
   
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