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11.10.1916: Kriegsminister befiehlt Judenzählung
Julius Marx: "Was soll denn dieser Unsinn? Will man uns zu Soldaten zweiten Ranges degradieren, uns vor der ganzen Armee lächerlich machen? Pfui Teufel. Und dazu hält man für sein Land den Schädel hin."

Was den Vizefeldwebel Julius Marx im Oktober 1916 so empörte, war eine Anordnung des preußischen Kriegsministeriums. "Nachweisung der beim Heer befindlichen wehrpflichtigen Juden" hieß das ganze in Amtsdeutsch und war offiziell dazu da "die fortgesetzt beim Kriegsministerium einlaufenden Klagen über die bevorzugte Behandlung der jüdischen Wehrpflichtigen bei der Freistellung vom Heeresdienst nachzuprüfen und ihnen gegebenenfalls entgegentreten zu können".

In Wirklichkeit hatte das Kriegsministerium eher einer intensiven Lobbyarbeit nachgegeben - und den eigenen antisemitischen Vorurteilen. Dabei hatte es zu Anfang des Krieges so ausgesehen, als würde die nationale Begeisterung, die quer durch alle Schichten und Parteien ging, zu einer Einigung des Volkes führen.

Die innenpolitischen Spannungen waren zu Beginn des Krieges zurückgedrängt worden, die SPD hatte ihre internationale Gesinnung zugunsten des Burgfriedens aufgegeben und auch Jüdische Organisationen riefen ihre Mitglieder auf, "über das Maß der Pflicht hinaus ihre Kräfte dem Vaterland zur Verfügung zu stellen".

Gerade Sozialdemokraten und Deutsche jüdischen Glaubens hatten sich in großer Zahl freiwillig zum Heer gemeldet, um ihren Patriotismus unter Beweis zu stellen. Viele Juden hofften, durch ihren Einsatz endlich als gleichgestellte Bürger des Kaiserreichs anerkannt zu werden.

In der Tat schienen diese Hoffnungen berechtigt, denn zum ersten Mal wurden sie bei Beförderungen in der Armee nicht mehr übergangen. Früher war es undenkbar gewesen, dass ein Deutscher jüdischen Glaubens Offizier hätte werden können - eine bittere Deklassierung in einem Land, dass so militaristisch geprägt war wie das kaiserliche Deutschland.

Diese Ansätze von Fairness wichen aber, je länger der Krieg andauerte und desto größer die Spannungen an der Front und daheim wurden, den altbekannten antisemitischen Gefühlen und Vorurteilen.

Seit 1915 hatte der Reichshammerbund, einer der radikalsten antisemitischen Gruppen im Kaiserreich, unterstützt auch von dem "Alldeutschen Verband" und anderen antisemitischen Organisationen, das Kriegsministerium aufgefordert, "der Drückebergerei der Juden ein Ende zu machen".

Die Antisemiten verbreiteten, jüdische Wehrpflichtige nutzten Beziehungen und Geld, um in gefahrlose Etappenkommandos zu kommen. Durch wichtige Posten in der Kriegswirtschaft des Kaiserreichs bereicherten sie sich an der Not des Volkes.

Statt nun solchen Unsinn zu ignorieren oder ihm entgegenzutreten, ließ sich die Heeresleitung auf eine "Judenzählung" ein, denn auch das Offizierskorps war traditionell stark antisemitisch eingestellt.

Der Erlass vom 11. Oktober machte klar, dass die Hoffnungen auf eine Gleichberechtigung vergeblich gewesen waren. Gerade viele national eingestellte Juden fühlten sich in ihrer Ehre tief getroffen. Der Schriftsteller Jakob Wassermann notierte deprimiert:

Jakob Wassermann: "Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude."

Walther Rathenau, dem als Chef der AEG zu Beginn des Krieges die Leitung der Kriegsrohstoffabteilung übertragen worden war, trat resigniert von diesem Posten zurück:

Walter Rathenau: "Je mehr Juden in diesem Krieg fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass sie alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu betreiben."

Die jüdischen Organisationen in Deutschland protestierten vergeblich "gegen die Ausnahmebestimmungen für Juden, die die Aufopferungsfähigkeit unserer Glaubensgenossen im Felde und im Lande herabsetzen und herabwürdigen".

Die Ergebnisse der diskriminierenden Zählung wollte das Ministerium dann jedoch nicht veröffentlichen. Mit gutem Grund, denn wie die Analyse der Zahlen ergab, hatten sich die Deutschen jüdischen Glaubens in keiner Weise anders als ihre christlichen Mitbürger verhalten.

Dass die Zählung aber überhaupt durchgeführt wurde und die Oberste Heeresleitung den bösartigen Diffamierungen nicht entgegentrat, obwohl sie das statistische Material dazu in Händen hatte, verstärkte die Wirksamkeit der nächsten antisemitischen Lüge: der Dolchstoß-Legende.

Autorin: Rachel Gessat
   
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