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26.10.1994: Frieden zwischen Israel und Jordanien
Hussein: "Dies sind die Augenblicke, in denen wir leben - Vergangenheit und Zukunft. Das großartige Tal, in dem wir stehen, wird das Tal des Friedens. Und wenn wir zusammen kommen, es aufzubauen und zum Blühen zu bringen wie nie zuvor, wenn wir wie nie zuvor nebeneinander leben wollen - Israelis und Jordanier zusammen - ohne dass jemand unser Handeln beobachten oder unsere Bemühungen beaufsichtigen müsste, dann ist das unser Geschenk an unsere Völker und die künftigen Generationen."

Der jordanische König Hussein am 26. Oktober 1994 in einer Rede vor Politikern aus aller Welt an einem bisher ebenso unbekannten wie unbedeutenden Punkt an der israelisch-jordanischen Grenze zwischen Totem und Rotem Meer. Man ist versammelt, um Frieden zwischen beiden Staaten zu feiern. Nach dem Abkommen von Camp David zwischen Israel und Ägypten aus dem Jahr 1979 der zweite Friedensvertrag zwischen Israel und einem arabischen Staat.

Jordanien ist seinem Ruf gerecht geworden, der es seit Jahren begleitet, nämlich der zweite arabische Staat zu sein, der mit Israel Frieden schließt. Zum Ersten hat es dem Königreich nie an Stärke und Unabhängigkeit gereicht. Obwohl dieses Land, dessen Schicksal wie das keines anderen mit dem Israels und der Palästinenser verbunden ist, eine reiche Geschichte an Kontakten und Verständigungsbemühungen mit dem jüdischen Staat hat.

Noch vor der Gründung Israels 1948 besucht die spätere Ministerpräsidentin Golda Meir in der damals trans-jordanischen Hauptstadt Amman König Abdallah, den Großvater Husseins, und versucht, ihn von einer Teilnahme am bevorstehenden Krieg gegen den neuen Staat abzuhalten.

Abdallah gibt zu verstehen, dass er auch kein Interesse daran hat, panarabische Rücksichten zwingen ihn aber doch, sich am Krieg zu beteiligen. Das Westufer des Jordan kommt unter die Kontrolle Ammans, das Palästinenser-Problem wird zum direkten Problem "Jordaniens" - wie der Staat sich seitdem nennt.

Ein neuer Krieg, der Sechstagekrieg im Juni 1967, ändert die Lage grundsätzlich: König Hussein hat sich von Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser überreden lassen, sich zu beteiligen, weil ein Sieg gegen Israel bevorstehe. Statt dessen kommt es zur großen Niederlage und dem Verlust des Westjordanlandes und Ostjerusalems.

Hussein schert zwar nicht offiziell aus der panarabischen Front aus, es ist aber ein offenes Geheimnis, dass er in den Jahren nach 1967 immer wieder Geheimkontakte mit israelischen Politikern unterhält: im Ausland und in der Region. Er besucht sogar Tel-Aviv und fährt des Nachts durch die Millionenstadt am Mittelmeer. Und 1971 wird er durch unmissverständliche israelische Warnungen an Syrien vor einem Einmarsch der Syrer gerettet.

Als Ägypten 1979 aber den Frieden von Camp David schließt, da kommt es in der gesamten arabischen Welt zu Protesten, und Kairo wird isoliert. Der König wagt es nicht, Sadat in diese Isolation zu folgen. Die Jahre des Libanon-Krieges machen solch einen Schritt auch nicht gerade leichter, ebenso wenig die erste Intifada, die 1987 ausbricht und Jordanien im Juli 1988 dazu bringt, seine Verantwortung für die israelisch besetzten Gebiete zu Gunsten der PLO aufzugeben.

Bewegung entsteht erst wieder 1991, als Jordanien an der Madrider Nahost-Friedenskonferenz teilnimmt und dabei auch die Palästinenser vertritt. Madrid bringt keinen Frieden, aber es resultiert zwei Jahre später im Oslo-Abkommen zwischen Israel und der PLO. Nun ist das Eis gebrochen: Wenn die PLO mit Israel verhandelt, dann braucht Jordanien sich nicht weiter Zurückhaltung aufzuerlegen. Mit Hilfe der USA nehmen auch Amman und Jerusalem Kontakte miteinander auf, und binnen kürzester Zeit wird ein Vertrag ausgehandelt. Der damalige israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin bei der Unterzeichnungsfeier:

Rabin: "Es kommt die Zeit, wenn man stark sein und mutige Entschlüsse fassen muss, die Minenfelder, die Dürre und die Einöde zwischen unseren beiden Völkern zu überkommen. Wir haben viele Tage des Kummers gekannt und Sie viele Tage des Leids, aber die Trauer vereint uns, so wie die Tapferkeit es tut. Und wir ehren die, die ihr Leben gelassen haben. Wir müssen beide aus dem Quell unseres großen geistigen Schatzes schöpfen, um die Qualen zu vergessen, die wir einander zugefügt haben, um die Minenfelder zu räumen, die uns für so viele Jahre getrennt haben, und um sie mit Feldern des Überflusses überwachsen zu lassen. Fast zwei Generationen lang herrschte Trostlosigkeit im Herzen unserer beiden Völker. Die Zeit ist gekommen, nicht nur von einer besseren Zukunft zu träumen, sondern sie zu verwirklichen. Die Führer sollten den Weg freimachen und die Richtung weisen, beide Völker aber müssen den Weg ebnen."

Die gegenseitigen Beziehungen entwickeln sich sofort sehr positiv: Die Grenzen werden schrittweise geöffnet, es entwickelt sich ein reger Austausch von Besuchern und Geschäftsbeziehungen, aber die Hoffnung auf eine breite Unterstützung des Friedens durch die jordanische Bevölkerung bleibt unerfüllt: Palästinensische, mehr aber noch Islamitische Kreise in Jordanien opponieren gegen den Frieden und dessen Intensität hängt zunehmend vom Fortschritt oder Stillstand der Umsetzung des Oslo-Abkommens zwischen Israel und der PLO ab. US-Präsident Bill Clinton hatte vor solch einer Entwicklung gewarnt:

Clinton: "Frieden ist mehr als nur ein Abkommen auf Papier, das ist Gefühl, Aktivität und Hingabe. Die Kräfte des Terrors werden Euch zurückzuhalten versuchen. Schon zielen sie auf die Zukunft des Friedens, und in ihrem Eifer, die Hoffnung zu töten und den Hass am Leben zu halten, leugnen sie alles, was der Frieden Euren Kindern geben kann. Wir können nicht, dürfen nicht und werden nicht zulassen, dass sie damit Erfolg haben."

Es ist den Gegnern des Friedens bisher nicht gelungen, diesen rückgängig zu machen: Er hat den Tod König Husseins überstanden, aber er hat doch schweren Schaden genommen an der Eskalation zwischen Israel und den Palästinensern, besonders während der zweiten Intifada. Das einst enge und intensive Verhältnis ist längst unterkühlt, und dass es nicht ganz aufgekündigt wird, liegt wohl in erster Linie daran, dass Jordanien dazu nicht stark genug ist. So, wie es jahrzehntelang nicht stark genug war zum Frieden selbst.

Autor: Peter Philipp
   
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