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29.10.1786: Goethe in Rom
Goethe, "Italienische Reise": "Früh um drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte. Die Gesellschaft, die den achtundzwanzigsten August, meinen Geburtstag, auf eine sehr freundliche Weise feiern mochte, erwarb sich wohl dadurch ein Recht, mich festzuhalten; allein hier war nicht länger zu säumen. Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise und gelangte halb acht Uhr nach Zwota."

Ein Mann bricht aus seinem Alltag aus. Johann-Wolfgang von Goethe, 37 Jahre alt, geheimer Legationsrat und Landesminister des Herzogs von Sachsen-Weimar - Staatsmann, Naturkundler, und größter Dichter, den Deutschland jemals haben wird. Die Arbeit als Staatsmann blockiert seine Kreativität, Goethe braucht Freiheit. Im September 1786 verschwindet er ohne jede Ankündigung aus einem Kuraufenthalt in Karlsbad. Am 29. Oktober 1786 erreicht Goethe sein geheimes Ziel, die Stadt, von der er seit seiner Kindheit träumt: Rom.

Goethe, "Italienische Reise": "Endlich kann ich den Mund auftun und meine Freunde mit Frohsinn begrüßen. Verziehen sei mir das Geheimnis und die gleichsam unterirdische Reise hierher. Kaum wagte ich mir selbst zu sagen, wohin ich ging, selbst unterwegs fürchtete ich noch, und nur unter der Porta del Popolo war ich mir gewiss, Rom zu haben."

Aus Angst, aufgehalten zu werden, reist Goethe unter falschem Namen. Als "Johann Philipp Möller, Kunstmaler aus Deutschland" trägt er sich in seinem römischen Quartier in der Via del Corso ein. Für die nächsten zwanzig Monate wird er dort Mitbewohner des Malers Johann-Wilhelm Tischbein sein. Bereits seit Jahren pflegen die beiden einen regen Briefkontakt, jetzt begegnen sie sich zum ersten mal persönlich. Tischbein wird seinen Mitbewohner später malen: Mit großem Hut, im weißen Seidenmantel, die italienische Landschaft skizzierend. In Rom tatsächlich Goethes Hauptbeschäftigung:

Goethe, "Italienische Reise: "Dass ich zeichne und die Kunst studiere, hilft dem Dichtungsvermögen auf, statt es zu hindern; denn schreiben muss man nur wenig, zeichnen viel. (...) Der Verstand und die Konsequenz der großen Meister ist unglaublich. Wenn ich bei meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an, wie neu erzogen zu sein."

Die Begeisterung für Rom erbt Goethe von seinem Vater. Die Souvenirs und die schwärmerischen Erzählungen des Vaters von einer Reise durch Italien begleiten Goethe durch seine Kindheit. Endlich selber auf dem Boden der Ewigen Stadt, interessieren ihn vor allem die Spuren der klassischen Antike. Ihnen wird er später in seinen Römischen Elegien huldigen.

Goethe, "Römische Elegien": "Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir. Ich befolge den Rat, durchblättre die Werke der Alten mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuss. Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt. Werd ich auch nur halb so gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt!"

In Rom kehrt Goethes Kreativität zurück. Das Tagebuch seines Italienaufenthalts wird er später unter dem Titel "Italienische Reise" veröffentlichen, der Dichtung beschert er die "Römischen Elegien". Die Literatur an sich bereichert er durch eine neue Epoche: Mit seinem Drama "Iphigenie auf Tauris", in Rom fertiggestellt, beginnt die Ära der Klassik.

Goethe, "Römische Elegien": "O wie fühl ich in Rom mich so froh! Gedenk ich der Zeiten, da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing, trübe der Himmel und schwer auf meinen Scheitel sich neigte, farb' und gestaltlos die Welt um den Ermatteten lag, und ich über mein Ich, des unbefriedigten Geistes düstre Wege zu spähn, still in Betrachtung versank."

Irgendwann muss Goethe in den grauen deutschen Norden zurück. Am 24. April 1788 verlässt er Rom, er wird die Stadt nie wiedersehen. In seiner "Italienischen Reise" notiert er den Abschied frei nach Worten des antiken Dichters Ovid.

Goethe, "Italienische Reise", Schlusselegie nach Ovid: "Wandelt von jeder Nacht mir das traurige Bild vor die Seele, welche die letzte für mich war in der römischen Stadt, wiederhol' ich die Nacht, wo des Teuren so viel mir zurückblieb, gleitet vom Auge mir noch jetzt eine Träne herab."

Zurück in Weimar wird Goethe Christiane Vulpius heiraten. Ihr gemeinsamer Sohn August wird jung sterben und auf Anweisung des Vaters in Rom seine letzte Ruhe finden. Johann-Wolfgang von Goethes letzte Huldigung an die Stadt seiner Träume.

Autorin: Catrin Möderler
   
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