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31.10.1954: Algerischer Unabhängigkeitskrieg beginnt
Die ersten Schüsse fallen in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1954. Unter dem bisher unbekannten Namen "Nationale Befreiungs-Front" - FLN - sind junge Algerier angetreten, der Herrschaft der Franzosen ein Ende zu setzen, die mit deren Invasion in Nordafrika am 5. Juli 1830 begonnen hatte und in den darauf folgenden 17 Jahren gefestigt wurde.

In einem Flugblatt rufen die Widerständler zur Schaffung eines unabhängigen algerischen Staates auf, dessen Gesellschaftssystem auf einer Mischung aus Sozialdemokratie und Islam basieren und allen Einwohnern gleiche Rechte gewähren sollte.

Hintergründe

Unzufriedenheit mit der französischen Herrschaft über Algerien hatte es immer schon gegeben: Eine französisch-europäische Minderheit herrschte über die Mehrheit von Arabern und Berbern im Lande. Zwar gab es wiederholt Versuche, die Rechte zwischen europäischen Siedlern und Moslems gleicher zu verteilen, dies scheiterte jedoch immer wieder. So 1947: Da verabschiedete die Nationalversammlung in Paris ein Statut für Algerien: Dieses sei "eine Gruppe von Départements mit städtischem Charakter, finanzieller Autonomie und einer besonderen Organisation".

Was das bedeutete, zeigte sich am gleichzeitig gebildeten algerischen Parlament: 120 Abgeordnete sollten zu zwei gleichen Teilen die 370.000 europäischen Siedler und 60.000 assimilierte Moslems sowie die große Mehrheit der rund 1,3 Mio. Moslems vertreten. Immerhin aber wurden zur gleichen Zeit auch einige Erleichterungen für algerische Moslems eingeführt: Sie durften nach Frankreich kommen, um dort zu arbeiten, sie durften dabei ihre Religion unbehindert ausüben, und in Algerien durfte offiziell Arabisch unterrichtet werden.

Schon auf dem Papier konnte kaum verheimlichen werden, dass die Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung fortgesetzt wurde, und der algerische Alltag machte dies umso deutlicher. Die Unzufriedenheit wuchs. Umso mehr, als andere arabische Staaten sich bereits aus ihrer Abhängigkeit von den Europäern gelöst und den Schritt in die Unabhängigkeit gemacht hatten.

Widerstand und Unruhen

Der Widerstand setzte langsam und behutsam ein. Ein erstes Alarmzeichen für die Franzosen war 1950 ein Aufsehen erregender Überfall auf das Hauptpostamt von Oran, angeführt von Achmed Ben Bella, einem Algerier, der im Zweiten Weltkrieg - wie viele seiner Landsleute - in der französischen Armee gedient hatte und für seinen Einsatz in Italien hoch dekoriert worden war. Derselbe Ben Bella sollte zur Symbolfigur des algerischen Freiheitskampfes und dann erster Ministerpräsident werden.

Zunächst aber wurde die französische Unterdrückung des Aufstandes von Tag zu Tag stärker: Nach den ersten Schüssen vom 31. Oktober wurden Tausende von Algeriern verhaftet - die meisten von ihnen hatten gar nichts mit der FLN und deren Zielen zu tun.

Die Franzosen setzten ihre Fehler fort: Versuche, den Algeriern entgegenzukommen, waren meist zu bescheiden und kamen zu spät, dafür ging man bei Unruhen mit voller Härte gegen die Algerier vor und der Hass wurde dadurch nur noch tiefer. Besonders, nachdem die französische Armee in Algerien um 500.000 Mann verstärkt wurde. Auf algerischer Seite wurde dadurch - und durch massiven Druck der FLN auf zögernde Moslems - die Front auch immer mehr geschlossen.

Eskalation und Unabhängigkeit

Die Situation wurde noch gefährlicher, nachdem Tunesien und Marokko ihre Unabhängigkeit erhielten, Frankreich aber führende Algerier ins Gefängnis warf. Es kam zu Massakern auf beiden Seiten und immer öfter ergriffen die französischen Siedler, die "Pieds Noirs", wie sie genannt wurden, dabei selbst die Initiative, weil sie vermuteten, dass Paris letztlich bereit sein würde, Algerien aufzugeben. Zweimal erhoben sich die Siedler, sie konnten aber nicht verhindern, was sie befürchtet hatten.

Die Unruhen brachten in Frankreich Charles de Gaulle zurück an die Macht: Er verordnete Algerien 1958 mehr Rechte für die muslimischen Bürger, ein Jahr später sprach er aber schon vom algerischen Recht auf Selbstbestimmung. Der Rest war eine Frage der Zeit: 1961 wurden in Frankreich Verhandlungen mit der FLN aufgenommen, deren Führer das Gefängnis verlassen durften.

Im Frühjahr 1962 einigte man sich auf ein Referendum und dieses wurde am 1. Juli abgehalten. Sechs Mio. stimmten für die Unabhängigkeit und nur 16.000 dagegen. Unmittelbar danach übernahmen die Algerier in Algiers die Macht, und die meisten Europäer verließen das Land.


Autor: Peter Philipp
   
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