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4.11.1911: Marokko-Kongo-Vertrag
"Hurrah! Eine Tat." So titelte die Rheinisch Westfälische Zeitung. Weiter hieß es: "Es wird wie ein jubelndes Aufatmen durch unser Volk gehen. Der deutsche Träumer erwacht aus zwanzigjährigem Dornröschenschlaf. Endlich eine Tat, eine befreiende Tat, die den Nebel bittersten Missmutes in deutschen Landen zerreißen muss."

Die Jubeltöne in der Zeitung bezogen sich auf den so genannten "Panthersprung nach Agadir". 1911 ging Deutschland in die Offensive. Jahre des Zauderns und der Zurückhaltung sollten ein Ende haben. Die Entsendung des Kanonenboots "Panther" nach Agadir und die damit verbundene Besetzung der marokkanischen Hafenstadt durch deutsche Truppen waren als Faustpfand gedacht für künftige Verhandlungen mit Frankreich und England.

Der Vertrag von Madrid aus dem Jahre 1880 sicherte dem Sultanat seine Unabhängigkeit zu. Trotzdem war Marokko seit Jahren Zankapfel der europäischen Großmächte, das lag vor allem an den zahlreichen Bodenschätzen. Auch das deutsche Kaiserreich unterhielt intensive Wirtschaftsbeziehungen nach Marokko. Deutschland kam dabei der Zwist zwischen den Kolonialmächten England und Frankreich zupass. Berlin war gewissermaßen der lachende Dritte, London und Paris standen sich die nicht nur wegen Marokko argwöhnisch in der Welt gegenüber.

Das sollte sich 1904 ändern. Paris und London schlossen eine "Entente Cordiale", ein herzliches Einvernehmen. Darin wurden sämtliche Streitfragen bereinigt, die zwischen den beiden Ländern bisher in fremden Erdteilen bestanden. Vor allem aber einigte man sich auf eine Aufteilung Nordafrikas. London wurde Ägypten, Paris wurde Marokko als Interessenssphäre zugesprochen. Von "friedlicher Durchdringung" war die Rede. Deutschland sah allerdings durch die britisch-französischen Abmachungen seine Wirtschaftsbeziehungen gefährdet.

Die erste Marokkokrise erreichte 1905 ihren Höhepunkt. Um die Entente auf die Probe zu stellen, entschloss sich Kaiser Wilhelm II. nach Tanger zu reisen. Der Empfang war würdevoll und der deutsche Monarch sagte mit deutlicher Spitze gegen Frankreich: Er hoffe, dass unter der Herrschaft des Sultans "(…) ein freies, souveränes Marokko der friedlichen Konkurrenz aller Mächte geöffnet wird".

In Frankreich erhob sich ein lautes Geschrei der Entrüstung. In London und Paris soll sogar ein militärisches Vorgehen in Erwägung gezogen worden sein. Das deutsche Kaiserreich konnte sich jedoch mit seiner Forderung nach einer internationalen Konferenz durchsetzen. Frankreich sollte isoliert und somit zur Aufgabe der Entente bewegt werden. Die Konferenz im südspanischen Algeciras im April 1906 bewies jedoch das Gegenteil: Deutschland war in der Marokkofrage isoliert, im Kriegsfall wäre lediglich auf Österreich-Ungarn Verlass gewesen.

Die Entente ging aus den Verhandlungen gestärkt hervor, unter anderem wurde die polizeiliche Überwachung der marokkanischen Häfen in die Hände Frankreich und Spaniens gelegt. Das deutsch-französische Verhältnis blieb wegen der Marokkoangelegenheit weiterhin gespannt. Wasser auf die Mühlen war 1911 die Besetzung der marokkanischen Stadt Fez durch französische Truppen. In der Königsstadt waren Unruhen ausgebrochen. Die Unabhängigkeit Marokkos, so wie sie noch bei der Konferenz von Algeciras unterstrichen wurde, war endgültig zur Farce geworden. Kaiser Wilhelm II. soll nach der Besetzung die Losung ausgegeben haben:

Wilhelm II.: "Die elende Marokkoaffäre muss zum Abschluss gebracht werden, schnell und endgültig. Es ist nichts zu machen, französisch wird es doch. Also, mit Anstand aus der Affäre heraus!"

Im Auswärtige Amt erwog man deshalb einen Tausch. Berlin verzichtet auf seine Interessen in Marokko und erhält dafür Französisch-Kongo. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, traf das Kanonenboot "Panther" in Agadir ein. Tatsächlich provozierte der Panthersprung eine Krise, Europa stand wegen des eskalierenden Streits um Marokko am Rande eines Krieges. Die Entente rückte eng zusammen. London und Paris waren alles andere als geneigt, dem deutschen Druck nachzugeben.

Berlin musste sich am Ende mit einer Minimalforderung zufrieden geben. Ein Teil des französischen Kongos, ganze 263.000 Quadratkilometer, wurden am 4. November 1911 im Marokko-Kongo Abkommen dem deutschen Reich zugesprochen. Dabei musste Berlin noch einen Teil seiner Kolonie Kamerun abtreten. Ein Fiasko für die deutsche Politik. Das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland blieb angespannt und führte vor allem zu einem: zu einem Weiterdrehen der Rüstungsspirale.

Autor: Oliver Ramme
   
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