Kalenderblatt dw.com
 
6.11.1948: Vernichtungsschlacht von Xuzhou
Am Ende waren alle überrascht ­ egal ob Amerikaner oder Russen, die Nationalisten unter Chiang Kaishek oder die Kommunisten selbst: Im Frühjahr 1949 eroberten Maos Truppen das ganze chinesische Festland. Im Herbst 1948 hatten sie noch keine wichtige Stadt unter Kontrolle gehabt, doch dann gelang ihnen der Durchbruch in der so genannten Huaihai-Schlacht am Eisenbahn-Knotenpunkt Xuzhou in Zentralchina. Vom 6. November 1948 dauerte sie bis zum 10. Januar 1949.

Seit Beginn des Bürgerkriegs 1946 war es die erste offene Feldschlacht im Bürgerkrieg. Bis dahin hatten die Kommunisten einen Guerilla-Krieg auf dem Land geführt. Je 600.000 Soldaten auf beiden Seiten waren bei Xuzhou beteiligt. Am Ende waren Chiang Kaisheks Truppen vernichtend geschlagen. Über Tote, Verletzte und Überläufer gibt es nur Schätzungen: Die chinesischen Archive sind bis heute für die Außenwelt verschlossen.

Im Januar eroberten die Kommunisten dann Peking und Tianjin in Nord-China, im April überschritten sie den Jangtse nach Süden. Chiang Kaisheks Armee war geschlagen.

Die Vorgeschichte reicht bis in die 1920er Jahre zurück. Damals kämpfte Chiang Kaishek schon einmal gegen die Kommunisten. Die kontrollierten größeren Gebiete mussten sich dann aber auf dem berühmten "Langen Marsch" tief ins Landesinnere zurückziehen.

Dann kam die japanische Invasion. Von 1937 bis 1945 wüteten japanische Truppen in China. Kommunisten, und Chiang Kaisheks Guomindang bildeten notgedrungen eine "nationale Einheitsfront" gegen die Japaner.

Für den Sinologen Thomas Kampen steht fest, dass die japanische Besatzungszeit die Gleichgewichte in China entscheidend verschoben hat:

Kampen: "Ich glaube, dass ohne den Angriff der Japaner Chiang Kai-shek schon in den 30er Jahren die Kommunisten hätte vernichten können. Er hätte alle Kräfte in diesen Kampf investieren können, und er hätte das wohl auch geschafft. Man muss ja überlegen: Zum Beispiel der 'Lange Marsch' 1934/1935 hat mit 100.000 Kommunisten angefangen und mit 10.000 aufgehört - also die Kommunisten waren fast am Ende! Dieser japanische Angriff hat zwei Sachen bewirkt: Erstens, dass sich Chiang Kai-shek nicht mehr auf die Kommunisten konzentrieren konnte, und zweitens, dass die Kommunisten in den Gebieten, in denen die Japaner als Armee waren, schon lange Untergrundarbeit leisten konnten. Das Problem für die Japaner war, dass die natürlich nicht so viele Truppen hatten, dass die das ganze Gebiet kontrollieren konnten. Die haben hauptsächlich die Großstädte und die Eisenbahnlinien kontrolliert. Und in den ländlichen Gebieten konnten da schon die Kommunisten mobilisieren."

Auch in der Gegend um Xuzhou zum Beispiel. Die Kommunisten hatten also Rückhalt in den Dörfern dort. Sie hatten sich im Kampf gegen die japanischen Besatzer beliebt gemacht, die Truppen Chiang Kai-sheks hatten sich dagegen zurückgezogen.

Kampen: "Der Zweite Weltkrieg endete mit der Niederlage Japans. Aber man kann nicht sagen, dass die Chinesen die Japaner besiegt hätten. Das waren ja mehr die Atombomben und so weiter. Das heißt: Ein großes Problem war, dass man Chiang Kai-shek und seiner Partei und Armee sehr übel nahm, dass die die Japaner nicht ernsthaft bekämpft hatten. Und deswegen hatten sie ein sehr schlechtes Image."

Außerdem waren die Soldaten Chiang Kai-sheks schlecht motiviert in diesem Bürgerkrieg. Viele wussten nicht, warum sie die Kommunisten bekämpfen sollten. Kein Wunder, in der Regel waren sie zwangsrekrutierte Bauern, erklärt Thomas Kampen:

Kampen: "Das heißt, sie sind nicht freiwillig in die Armee gegangen, sondern die wurden eigentlich gekidnappt und dann verpflichtet. Und deswegen sind immer auch viele von denen desertiert. Bei den Kommunisten war der Schwerpunkt darin, die Bauern zu motivieren und zur Mitarbeit zu bewegen. Für eine richtige Zwangsrekrutierung hatten die Kommunisten eigentlich gar nicht die Macht."

Die Bauern ­ damals 90 Prozent der chinesischen Bevölkerung ­ sollten nach Mao Tse Tungs Theorien die Revolution tragen. In der Tat gelang es den Kommunisten, in jahrelanger Kleinarbeit viele von ihren Forderungen nach Landreformen zu überzeugen.

Langfristig hat also das schlechte Image der Regierung und das gute der Kommunisten, in nationalen wie in sozialen Fragen, diesen Machtkampf entschieden.

Doch in den Jahren 1946 bis 1949 war es einfach ein Bürgerkrieg. Erstaunlich bleibt im Rückblick alleine schon, wie die Kommunisten es mit den mit amerikanischer Waffenhilfe ausgerüsteten Guomindang-Truppen aufnehmen konnten. Nicht einmal die sowjetischen "Brüder" unterstützten sie mit Waffen, denn die hatten traditionell ein gutes Verhältnis zu Chiang Kai-shek.

Autor: Thomas Baerthlein
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Man ist nie so sehr bei sich, als wenn man sich verliert.
  > Robert Musil
> RSS Feed
  > Hilfe
In welchem Jahr wurde das Saxophon patentiert?
  1812
  1879
  1846
  Newsletter abonnieren
  Versenden Sie virtuelle Grüße