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10.11.1980: Jahrzehnt des Trinkwassers ausgerufen
Ohne Nahrung kann der Mensch tagelang, zur Not sogar wochenlang auskommen. Doch nicht ohne Wasser, von dem wir mehrere Liter täglich zu uns nehmen müssen, wollen wir nicht verdursten.

Kein Problem, sollte man meinen. Angesichts der Tatsache, dass fast drei Viertel der Erdoberfläche von Wasser bedeckt sind. Doch das ist zu 94,5 Prozent in den Weltmeeren konzentriert und daher salzig und nicht trinkbar. Der größte Teil der verbleibenden 5,5 Prozent ist an den Polen im Eis gebunden oder liegt soweit unter der Erdoberfläche, dass wir es nicht fördern können. Als Trinkwasser steht uns nur rund ein Hundertstel der Gesamtwassermenge unseres Planeten zur Verfügung.

Um für einen verantwortungsvolleren Umgang mit dem kostbaren Nass zu werben, rief die UNO am 10. November 1980 das Jahrzehnt des Trinkwassers aus. Zwischen 1981 und 1990 sollte die Wasserversorgung weltweit verbessert und vor allem der Verschmutzung und der Verschwendung von Wasser Einhalt geboten werden.

Verschiedene UN-Institutionen, zahlreiche Regierungen und nichtstaatliche Organisationen investierten in diesem Zeitraum rund 300 Milliarden Dollar. Das Geld wurde beispielsweise dazu verwendet, Brunnen zu bohren, Meerwasserentsalzungsanlagen zu bauen, effizientere Bewässerungsmaßnahmen einzuführen und der Versteppung weiter Teile der Erde entgegen zu wirken.

Nikolaus Geiler, ein Wissenschaftler und als Experte für Wasserfragen beim BUND tätig, sieht die Arbeit während der Trinkwasserdekade allerdings nicht nur positiv. Zur Nachhaltigkeit der UNO-Maßnahmen beispielsweise sagt er:

Geiler: "Die haben regional schon zu erheblichen Fortschritten geführt. Nur die Fortschritte sind weltweit gesehen wieder aufgehoben worden. Einmal durch Bevölkerungswachstum in diesen Ländern, zum anderen auch aus Gründen wie politisch ineffiziente Strukturen, die dazu geführt haben, dass Gelder versickert sind und nicht den Ärmsten, die es am nötigsten hätten, zu Gute gekommen sind."

Die größten Wasserverschwender sind ausgerechnet jene Länder, die am wenigsten Wasser zur Verfügung haben.

Geiler: "Weltweit gesehen ist die Landwirtschaft der größte Wasserverbraucher und in vielen Ländern werden völlig ineffiziente Verfahren der Bewässerungstechnik angewandt, so dass dort das Wasser zum Mangelfaktor und damit auch zum Armutsfaktor wird."

Die ärmsten Länder liegen in den heißesten und trockensten Gebieten der Welt. Und gerade sie können am wenigsten die Mittel aufbringen, um eine ausreichende Wasserversorgung sicherzustellen.

Geiler: "Sie sind auf Hilfe angewiesen. Sie könnten aber auch sehr viel dazu beitragen, wenn wasserwirtschaftliche Entscheidungen nach sachlichen Gründen gefällt werden. Leider muss man feststellen, dass gerade in diesen Ländern Vetternwirtschaft uns Korruption in vielen Fällen sinnvolle wasserwirtschaftliche Entscheidungen erschweren oder sogar verunmöglichen."

Eines der interessantesten Modelle, der Wassernot entgegen zu treten, wurde in jenem Jahrzehnt in Saudi-Arabien entwickelt. Prinz Mohammed Al Faisal gründete dort die Firma "Iceberg Transport International". Das Ziel der Gesellschaft war es, Eisberge aus der Antarktis in das Rote Meer zu schleppen. Dort wollte man das Eis anlanden und schmelzen und das so gewonnene Wasser verkaufen.

Der französische Wissenschaftler Paul-Emile Victor sah vor, Eisberge entweder provisorisch zu motorisieren oder sie von Hochseeschleppern über den Äquator ziehen zu lassen. Auch wenn, so seine Schätzung, etwa zwanzig Prozent des Eises unterwegs schmelzen würde, könnte sich das Modell rechnen. Tat es aber nicht. Wegen zu hoher technischer und finanzieller Hürden wurde dieser Gedanke nicht weiterverfolgt.

Das Jahrzehnt des Trinkwassers, das die UNO 1980 ausgerufen hat, blieb aber nicht die einzige internationale Anstrengung zur Besserung der Wasserversorgung.

Geiler: "Die UNESCO und andere Organisationen haben sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 drei Milliarden funktionierende Wasserhähne zu installieren. Mit dem Ziel käme man schon weiter, denn man muss sehen, dass zum Beispiel bei den Familien, bei denen kein Wasserhahn vor dem Haus steht, die Mädchen nicht auf die Schule gehen können, weil in der Regel die Mädchen zum Wasser holen geschickt werden."

Bei den Ergebnissen der UNO-Initiative von 1980 sieht Nikolaus Geiler Licht und Schatten:

Geiler: "Wobei man für die Industriestaaten zunehmend feststellen kann, dass dort der Wasserverbrauch zurückgeht, absolut und pro Kopf, während er in der Dritten Welt eigentlich zunimmt. Es steht dort nicht genügend Wasser zur Verfügung, und das Wasser, das dort zur Verfügung steht, ist meistens von so schlechter Qualität, dass ein normaler Mitteleuropäer damit nicht einmal sein Auto waschen würde!"

Insgesamt fällt das Fazit des Experten düster aus:

Geiler: "Die Situation hat sich weltweit gesehen leider nicht gebessert, sondern im Gegenteil verschlechtert."

Im Jahrzehnt des Trinkwassers, das die UNO am 10. November 1980 ausgerufen hatte, konnte die Verschmutzung und die Verschwendung von Wasser nicht beseitigt werden. Wir stehen heute vor den gleichen Problemen wie damals, doch ohne die damals begonnenen Projekte wären der Wassernotstand heute weitaus dramatischer als er es ohnehin schon ist. Zumindest in den Industrienationen hat die UNO-Initiative dazu geführt, dass nun sorgsamer und sparsamer mit diesem wichtigen Rohstoff umgegangen wird. Und trotzdem bleibt auch hier noch sehr viel zu tun.

Oder gibt es einen vernünftigen Grund dafür, dass wir mehrmals täglich unsere Fäkalien mit reinem Trinkwasser fortspülen?

Autor: Dirk Kaufmann
   
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