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13.12.1918: "Die letzten Tage der Menschheit"
Am 13. Dezember 1918 erschien in der Wiener Zeitschrift "Die Fackel" der Vorabdruck eines Dramas, das alle bis dahin bekannten Dimensionen sprengte: "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus.

Karl Kraus, 1874 im böhmischen Gitschin geboren und 1936 in Wien gestorben, war Publizist und Schriftsteller. Der studierte Philosoph und Germanist arbeitete auch als Schauspieler und Regisseur und war als Satiriker ein gefragter Vortragskünstler. Sein Lebenswerk jedoch war die 1899 gegründete Zeitschrift "Die Fackel", in der er ab 1911 nur noch eigene Texte veröffentlichte.

Kein Drama im klassischen Sinn

Das wichtigste und umfangreichste Werk von Karl Kraus ist jedoch das Endzeitdrama "Die letzten Tage der Menschheit". In seinem Vorwort stellt Kraus bereits klar, worauf sich die Leserschaft einstellen muss: "Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos wie jene Leute, die unter der Menschheit gelebt und sie überlebt haben. Sie sind als Täter und Sprecher einer Gegenwart, die nicht Fleisch doch Blut, nicht Blut doch Tinte hat, zu Schatten und Marionetten abgezogen und auf die Formel ihrer tätigen Wesenlosigkeit gebracht."

Auf den ersten Blick ist "Die letzten Tage" kein Drama, zumindest nicht im klassischen Sinne. Einheit von Ort und Handlung? Fehlanzeige. Wie sich die universelle Katastrophe des Krieges um nichts Menschliches schert, kann auch seine Dramatisierung keine Rücksicht auf Formeln und Konventionen nehmen.

Die Zahl der handelnden Personen, oder der, wie Kraus sie nennt, "Schatten ihrer tätigen Wesenlosigkeit", ist unübersehbar, die Zahl der Handlungsorte schwindelerregend. Das Drama beginnt zwar, wie auch der Krieg, in Österreich, spielt in der Folge aber an Schauplätzen in ganz Europa.

Das entscheidende Stilmittel des Autors ist, so wenig wie möglich zu erfinden. Er zitiert. Rund ein Drittel des Textes besteht aus Tagesbefehlen, Redeausschnitten, Zeitungsmeldungen und Gerichtsurteilen: "Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet wurden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate."

Die "Dramatisierung des Dokumentarischen"

In der Tat ist "Die letzten Tage" ein Drama, das alle Dimensionen sprengt. Allzu natürlich nur, denn Kraus fasst hier nicht nur seine ganze Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen und der Politik der österreichischen Monarchie zusammen, ihm geht es um mehr.

Wie viele andere Intellektuelle seiner Zeit, hat auch Kraus erkannt, dass der große Krieg, der 1914 begann, eine Epoche beendete. Doch für Kraus war dieser Krieg auch ein Menetekel für das Verschwinden, für den Untergang der ganzen Menschheit. "Die letzten Tage der Menschheit", dieser Titel ist durchaus wörtlich zu nehmen. Der Idealist und Moralist Kraus musste vor der Katastrophe seiner Zeit kapitulieren.

Das Werk hat aber auch formbildend gewirkt. Bis in unsere Zeit hinein, in der das Fernsehen das sogenannte "Doku-Drama" für sich entdeckt hat. Die "Dramatisierung des Dokumentarischen", so Kraus, wurde zum Modell. Gar nicht zur Freude des Autors, der seinen Nachahmern ein schlimmes Zeugnis ausstellte: "Jetzt weiß ich wenigstens, dass der Begriff der 'Dramatisierung des Dokumentarischen', den diese Leute haben, von mir bezogen und auf das grausam schändlichste kompromittiert ist."

Dramatisierung für die Bühne

Dass die Menschheit allem Anschein nach noch nicht untergegangen ist, widerlegt "Die letzten Tage" allerdings nicht. Zwar sind Katastrophen seither immer wieder geschehen, sei es als Krieg, als Terroranschlag oder Umweltkatastrophe. Ihre Ursachen sind aber immer noch die gleichen, die schon Kraus beklagt hat: Ignoranz, Borniertheit, Doppelmoral und vor allem die Inkompetenz der "Entscheidungsträger". All das gibt es immer noch, ist so bedrohlich wie vordem.

Und einen anderen Verantwortlichen, den Kraus verantwortlich zu machen versucht hat, gibt es auch noch: Den Journalismus. Die Schuld der "vierten Gewalt" beschreibt Kraus so: "Und das hat sie vermocht, sie allein. Nicht dass die Presse die Maschinen des Todes in Bewegung versetzte, aber das sie unser Herz ausgehöhlt hat, das ist ihre Kriegsschuld!"

1922 erschienen "Die letzten Tage der Menschheit" in Buchform, und gleichzeitig hat sich der Autor auch an eine Dramatisierung für die Bühne gemacht. Die Aufführungen am Wiener Burgtheater waren, vor allem bei der Kritik, weit erfolgreicher als das Buch. Zum ersten Mal erschienen waren "Die letzten Tage der Menschheit" jedoch bereits kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges: Am 13. Dezember 1918 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift "Die Fackel".


Autor: Dirk Kaufmann
   
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