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19.12.1986: Sacharow rehabilitiert
"Man muss erst einmal zu sich kommen. Sieben Jahre lang lebten meine Frau und ich isoliert. Nicht einmal mit anderen Leuten durften wir reden. Nur einmal ist ein Freund zu uns gekommen, und wir durften mit ihm auf der Straße sprechen. Das war ein Wunder, dass uns das erlaubt wurde, auf der Strasse offen zu reden. Das war einer aus meinem Studienjahrgang. Wir waren völlig isoliert von den Leuten." Dies sagte Andrej Sacharow, der Mann, der am 19. Dezember 1986 aus der Verbannung nach Moskau zurückkehrt, gilt als zurückhaltender, bescheidener Wissenschaftler.

Und doch hatte er mit seinen Anklagen gegen das Sowjetsystem den Zorn der kommunistischen Nomenklatura auf sich geladen. Spätestens seit ihm 1975 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, ist sein Name weltberühmt: Andrej Dmitrijewitsch Sacharow.

In der Sowjetunion hatte sich der Kernphysiker bereits lange zuvor einen Namen gemacht. Schon mit 21 Jahren erhielt er einen Ruf als Professor für Kernphysik nach Moskau. Nach 1945 avancierte er als Direktor des angesehenen Lebedew-Instituts zu einem der Väter der sowjetischen Wasserstoffbombe. Der sowjetische Staat ernannte seinen genialen Naturwissenschaftler zum "Helden der sozialistischen Arbeit" und überhäufte ihn mit Preisen und Orden.

Verantwortung als Wissenschaftler

Dann aber tut Sacharow etwas, was auch in anderen Teilen der Welt nicht gern gesehen wird: Er besinnt sich seiner Verantwortung als Wissenschaftler. Zunehmend wendet er sich gegen die Weiterentwicklung der Kernenergie. Und weil ein restriktives System wie das der Sowjetunion solch einen Widerspruch nicht dulden kann, treibt es eine seiner begabtesten Forscherpersönlichkeiten in die politische Opposition.

In den 1960er-Jahren warnt Sacharow vor der Rehabilitierung Stalins und ist unter den Befürwortern des "Prager Frühlings" zu finden. Seit Mitte der 1970er-Jahre tritt Andrej Sacharow mehrfach in den Hungerstreik, und 1980 werden ihm sämtliche Titel und Auszeichnungen aberkannt, ehe man ihn an jenen Ort verbannt, aus dem er nun zurückkehrt: nach Gorki.

Anruf von Gorbatschow

Nachdem in Moskau in schneller Folge drei alterschwache Generalsekretäre verschieden waren, wählt das ZK der KPdSU am 10. März 1985 den damals erst 54-jährigen Michail Sergejewitsch Gorbatschow an die Spitze der Partei. Schon bald erinnert sich der reformwillige Gorbatschow des prominenten Dissidenten. Um ihn am Ort seiner Verbannung anrufen zu können, muss dort extra ein Telefon installiert werden.

Andrej Sacharow sagte darüber später: "Tatsächlich hat man es am 15. für uns installiert und am 16. wurde dann um drei Uhr angerufen. Es war Michael Sergejewitsch Gorbatschow, und er hat gesagt, dass der Beschluss gefasst worden ist über meine Befreiung, dass heißt, dass ich nach Moskau zurückkehren kann."

Die ungewöhnliche Gelegenheit den nach wie vor allmächtigen Generalsekretär am Telefon zu haben, nutzt Sacharow, um Forderungen einzuklagen, die er bereits Monate zuvor in einem Brief an ihn formuliert hatte: "Der Brief handelte von der Befreiung der Gewissenshäftlinge, die gelitten haben für ihre Überzeugung und keine Gewalttaten begangen haben."

Rehabilitation

Am Tag von Sacharows Rückkehr kann sein Freund, der im westdeutschen Exil lebende Lew Kopelew (1912-1997), bestätigen, dass die Intervention nicht folgenlos blieb: "Vor kurzem wurden Juri Orlow und Irinia Ratuschinskaja freigelassen und das Ehepaar Misowjezkowitz. Vor einer halben Stunde habe ich erfahren, dass auch der tatarische Menschenrechtler Mustafa Dschemilow, der im November jetzt zum siebten Mal verurteilt wurde, auch freigelassen ist."

Das schafft Vertrauen, und schließlich findet Gorbatschow in Andrej Sacharow einen Befürworter seines Reformkurses. Im März 1989 wird der einstige Dissident in den Kongress der Volksdeputierten gewählt. Den Untergang des sowjetischen Systems freilich kann auch er nicht aufhalten. Andrej Sacharow stirbt am 14. Dezember 1989 - die UdSSR überlebt ihn kaum mehr als ein Jahr.


Autor: Gerhard Haase
   
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