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20.12.1881: Oper per Telefon
Es ist nicht ganz eindeutig, wann zum ersten Mal eine Opernübertragung aus dem Opernhaus in ein anderes Gebäude realisiert wurde. Wer aber meint, eine solche Übertragung sei erst mit der Entwicklung des Rundfunks, also erst ab der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg möglich gewesen, der irrt: Schon in den 1880er-Jahren gab es die ersten Übertragungen - per Telefon!

Unterschiedliche Quellen – unterschiedliche Daten

Strittig ist nur das genaue Datum. Es heißt, die erste dieser Übertragungen hätte schon am 20. Dezember 1881 in London stattgefunden - aber weder das Programm noch die Mitwirkenden noch weitere Details sind bekannt. Nach dem Londoner Vorbild sollen binnen weniger Wochen ähnliche Übertragungen auch in Berlin und in Budapest realisiert worden sein.

Nach anderen Quellen gab es die erste dieser Telefonübertragungen im Rahmen der Internationalen Elektrizitätsausstellung 1882 in München, wo man König Ludwig II. auf diese Weise eine Oper miterleben ließ, obwohl er nicht im Opernhaus anwesend war.

Nach wieder anderen Quellen hat es eine solche Übertragung aber bereits im Vorjahr aus dem Pariser Opernhaus gegeben und zwar sogar in Stereo! Dieses "Musikalische Telefon" war eine der Hauptattraktionen der Internationalen Elektrizitätsausstellung in Paris.

Vorläufer des modernen Unterhaltungsradios

Der kreative Kopf hinter dieser Erfindung war der französische Ingenieur Clément Ader (1841-1925), der sich auch als Luftfahrtpionier betätigte und mit einer dampfbetriebenen Flugmaschine schon zehn Jahre vor den Gebrüdern Wright einen kurzen Motorflug absolvierte. An dieser Stelle aber interessieren seine Telefonaktivitäten:

Mit einem Dutzend Kohlemikrofonen an der Rampe nahm er den Schall von der Bühne des Opernhauses auf und übertrug ihn mit extra verlegten Leitungen quer durch Paris in die Ausstellungshalle im Palais de l'Industrie. Bis zu 48 Zuhörer konnten dort, mit einem Hörer an jedem Ohr, das technische Wunder genießen. Zeitweise ließ sich sogar der französische Präsident Musik in den Elysée-Palast übertragen.

Telefonübertragungen dieser Art erfreuten sich bald in allen Metropolen Europas und Amerikas großer Beliebtheit. Man kann sie durchaus, wenn auch nicht in technischer Hinsicht, als Vorläufer des modernen Unterhaltungsradios betrachten.

Kommerzielle Nutzung

Und wie der Unterhaltungsfunk heutzutage wurden auch die Telefonübertragungen kommerziell genutzt. In Paris beispielsweise wurde um 1890 die Théâtrophone-Gesellschaft gegründet, die ihren Abonnenten eine ständige Schaltung in fünf Pariser Theater, darunter die Opéra, die Comédie Française und das Odéon, anbot. Eine ähnliche Unternehmung, das Electrophone, gab es auch in London, dort gehörte sogar die Queen zur kundschaft. Ein billiges Vergnügen war das nicht, gegen die saftige Jahresgebühr von damals horrenden 180 Francs erscheinen heutige Pay-TV-Gebühren fast als geschenkt.

Die Unternehmen mussten sich also etwas einfallen lassen, um den Kundenkreis auszuweiten. Die Lösung sowohl in Paris als auch in London: Münzapparate. Schon nach Einwurf einer kleinen Münze konnte man fünf Minuten lang lauschen, danach verklang der Ton.

Das Bessere ist des Guten Feind

Der Erfolg war überwältigend, und bald gab es auch Fernübertragungen von London nach Liverpool und Manchester und sogar ins Ausland, etwa nach Brüssel. Aber wie so oft ist das Bessere des Guten Feind: Das Prinzip der Telefonübertragungen setzte eine sehr aufwendige Verkabelung voraus, und das behinderte die rasche Ausbreitung.

Als Marconi 1909 das Prinzip der drahtlosen Funkübertragung demonstriert hatte und schon im Folgejahr erstmals ein Stück aus dem Metropolitan Opera House in New York im Rundfunk übertragen wurde, hatte sich das Théâtrophone technisch überlebt.


Autor: Carsten Heinisch
   
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