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14.2.1989: Fatwa gegen Rushdie
Moslems sind sie beide, aber sonst verbindet die beiden im Grunde nichts: Der eine wurde 1947 im indischen Bombay geboren, der andere 47 Jahre vorher im iranischen Khomein. Der erste wurde im britischen Cambridge erzogen, der zweite in diversen Koran-Schulen des Iran. Während der erste sich zunächst als Werbetexter ernährt, bevor er seine ersten literarischen Werke verfasst, beschäftigt sich der zweite schon früh mit religiösen Schriften und mit der Opposition gegen das Regime des Schahs.

"Satanische Verse"

Begegnet sind sich Salman Rushdie und Ajatollah Khomeini wohl nie - und sie hätten wohl auch nie miteinander zu tun gehabt. Wenn Salman Rushdie, damals dann 39 Jahre alt und bereits beachteter Nachwuchs-Schriftsteller in seiner Wahlheimat Großbritannien, nicht 1988 mit seinem dritten Roman - den "Satanischen Versen" - die Gemüter von Moslems in Großbritannien und dann weltweit erregt hätte.

Der Prophet Mohamed und die Heilige Schrift würden in dem Roman nach Ansicht seiner Kritiker in den Schmutz gezogen, und es kommt zu Demonstrationen gegen Buch und Autor. Zunächst in Großbritannien, dann in anderen Ländern, besonders in Pakistan. Anfang 1989 schwappen die Proteste in den benachbarten Iran über, wo der andere Hauptakteur dieser Geschichte 1979 den Schah vertrieben und eine Islamische Republik ausgerufen hat: Ayatollah Khomeini hat sich in den Kopf gesetzt, nicht nur sein Land, sondern möglichst die ganze muslimische Welt zum rechten Glauben zurückzubringen und von dekadenten westlichen Einflüssen zu befreien.

Der "Fall Rushdie"

Was also liegt näher, als sich an die Spitze der Proteste gegen die "Satanischen Verse" zu stellen? Khomeini, der nach der Revolution mit blutiger Grausamkeit unter den Anhängern des alten Regimes und untreuen Weggefährten aufgeräumt hat, tut es auf seine Weise:

Am 14. Februar 1989 tritt der Ayatollah, bereits vom herannahenden Tod gezeichnet, vor die Massen in Teheran und verkündet, es sei die Pflicht eines jeden Moslems, Rushdie umzubringen. Eine religiöse Stiftung unter der Führung Khomeini-treuer Geistlicher setzt zusätzlich ein Kopfgeld in Höhe von sechs Mio. Dollar aus.

Der "Fall Rushdie" ist geboren: Der Autor verschwindet unter britischem Polizeischutz aus der Öffentlichkeit, statt seiner werden Verleger und Übersetzer seines Buches in verschiedenen Ländern umgebracht oder verletzt, London bricht die diplomatischen Beziehungen zu Teheran ab, die Europäische Union besteht auf der Aufhebung des Mordaufrufs, aber nichts geschieht. Die Frankfurter Buchmesse schließlich weigerte sich iranische Verlage zuzulassen.

Fatwa und Kopfgeld

Teherans Haltung bleibt hart: Zwar lässt man immer wieder durchblicken, dass man den Mord nicht befürworte, aber man besteht darauf, dass der Spruch Khomeinis von keiner irdischen Instanz zurückgenommen werden könne. Und obwohl man die Existenz des Kopfgeldes immer wieder dementiert, wird dieses um einige Millionen Dollar erhöht.

Im Juli 1998 verkündet Ayatollah Jannati, ein bekannter Scharfmacher, in Teheran, die Europäer bemühten sich vergeblich um eine Änderung der Fatwa: "Bevor sie irgendetwas anderes sagten, sind sie hierher gekommen und haben die Frage Salman Rushdies aufgeworfen. Salman Rushdie ist eine Angelegenheit, in der der Imam (Khomeini) gesprochen hat, und niemand wird es wagen, das Edikt des Imam aufzuheben. Der Spruch bleibt in Kraft. Sie müssen das einsehen und akzeptieren, und sie sollen nicht darüber argumentieren, und das Thema gar nicht erst anschneiden. Es ist abgeschlossen."

Sicher ein Beispiel dafür, dass in Teheran immer wieder liberale und konservative Kräfte miteinander konkurrieren.

Ein neuer Tag?

Den Durchbruch gibt es dann aber doch - im Herbst 1998 - zumindest, was man dafür hält: Nach ausgiebigen Gesprächen zwischen dem britischen Außenminister Robin Cook und seinem iranischen Kollegen Kamal Kharrazi erklärt dieser in New York, Teheran verfolge Rushdie nicht: "Die Regierung der islamischen Republik Iran hat keine Absicht und wird auch nichts unternehmen, um das Leben des Autors der 'Satanischen Verse' zu bedrohen. Oder irgend jemanden, der mit seinem Werk verbunden ist."

Zur "Belohnung" werden die diplomatischen Beziehungen zwischen London und Teheran wieder auf Botschafterebene angehoben, und auch Salman Rushdie meint erlöst: "Sie gaben mir wirklich die höchst kategorische Zusicherung - wie man sie normalerweise von Politikern nicht erhält, und ohne Umschweife: Sie versicherten mir, dass dies ihrer Meinung nach eine absolut sichere Vereinbarung sei und dass die iranische Drohung beendet sei. Deswegen glaube ich: Das ist ein neuer Tag."

Der Autor tritt nun zwar öfter in der Öffentlichkeit auf, aber ob er sicher ist? Diese Frage kann ihm wohl niemand beantworten.



Autor: Peter Philipp
   
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