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23.1.1918: Russische Kirche enteignet
"Unsere Kirche erlebt eine Zeit der Wiedergeburt der traditionellen Formen ihres Zeugnisses und Dienstes, die in den nachrevolutionären sieben Jahrzehnten ihrer Existenz im totalitären atheistischen Staat zerstört wurden", berichtete der 2008 verstorbene Patriarch Alexij von Moskau bei seinem Deutschlandbesuch 1995. Er sagte des Weiteren: "Seit dem Ende der Sowjetherrschaft sind Tausende von Gemeinden, Hunderte von Männer- und Frauenklöstern, viele geistliche Schulen wiedererstanden oder neu gegründet worden. Es werden missionarische Strukturen wiederhergestellt, es entwickelt sich die religiöse Ausbildung. Es wird der in der Sowjetzeit streng verbotene soziale Dienst der Kirche neu eingerichtet."

Das Lenin-Dekret

Der Anfang dieses 70 Jahre dauernden russischen Winters lässt sich datieren: Am 23. Januar 1918, nicht einmal drei Monate nach der Oktoberrevolution, ließ Lenin das Dekret "Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche" veröffentlichen. Es platzte mitten hinein in das Landeskonzil der orthodoxen Kirche, das sie mit der Wiedererrichtung des Patriarchats von der staatlichen Bevormundung während der Zaren-Zeit befreien wollte.

Eine laizistische Loslösung, die die Kirche aus der Gesellschaft ins Private abdrängt, wollte das Konzil natürlich nicht. Es protestierte daher gegen das Lenin-Dekret, freilich vergeblich.

So musste die orthodoxe Kirche fortan damit leben, dass zwar die Freiheit religiöser Riten zugesagt war, doch nur, wenn sie die öffentliche Ordnung nicht stören und kein Gläubiger sich dadurch seiner bürgerlichen Pflichten entzieht. Der Religionsunterricht in öffentlichen Schulen wurde abgeschafft; die Bolschewiken wollten gemäß dem weltanschaulichen Materialismus ein atheistisches Staatssystem errichten.

Vor allem aber wurden Grund und Boden der Kirche, Gotteshäuser und Gebäude enteignet, da es sich um sogenanntes Volkseigentum handle. Und damit wurde der Kirche die materielle Grundlage ihrer Existenz entzogen. Alle Glaubensgemeinschaften haben nach dem Lenin-Dekret als private Gesellschaften nicht die Rechte einer juristischen Person, besitzen dementsprechend kein Eigentumsrecht und erhalten keine staatlichen Zuwendungen. Obwohl die anderen Kirchen davon selbst betroffen waren, empfanden sie den Abbau von Privilegien der orthodoxen, praktisch einer Staatskirche als gerecht.

Beraubung aller Rechte und Verfolgung

Doch im Grunde wurde die Kirche all ihrer Rechte beraubt. Erzbischof Longin, Ständiger Vertreter des Moskauer Patriarchats in Deutschland, schilderte die Folgen dieser Privatisierung der Kirche: "Während kommunistischer Herrschaft Leute könnten nicht offiziell zeigen, dass sie waren Angehörige der Kirchen. Sie konnten ihre Religiosität ausüben; entweder zu Hause oder nötigsten gingen da in den Kirchen. Aber wenn sie irgendwelche Ämter als Lehrer hatten oder andere höhere Positionen in Gesellschaft, dann konnten sie nicht zeigen, dass sie auch Gläubige sind."

Erst einmal freilich zahlte die Kirche einen hohen Blutzoll: Während des Bürgerkriegs, bevor die Bolschewisten im Dezember 1922 die UdSSR errichten konnten, wurden 25 Bischöfe, fast 3.000 Priester, nahezu 2.000 Mönche und Nonnen sowie rund 15.000 Gläubige ermordet. Um einem derartigen Martyrium zu entgehen, erklärte das Moskauer Patriarchat immer wieder sich als loyal zum sowjetischen Staat, und forderte die Gläubigen zu eben solcher Haltung auf.

Das rief Spaltungen hervor, russische Auslandskirchen gingen auf kritische Distanz. Obwohl das Patriarchat teilweise bis zur Anbiederung an den Kreml ging, blieb die Kirche vor härtesten Verfolgungen nicht verschont. Überwintern konnte die Kirche, dank der Anhänglichkeit des einfachen russischen Volkes.

Aufatmen und Entspannung

Patriarch Alexij sagte 1995 dazu: "Die Ergebenheit zum orthodoxen Glauben ist einer der wichtigsten Züge des nationalen Charakters des russischen Volkes. Aber die Orthodoxie hatte niemals einen chauvinistischen Charakter. Aufatmen konnte die Kirche praktisch erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft; seither entwickelt sich auch in Ansätzen ein kooperatives Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Russland."


Autor: Hajo Goertz
   
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