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19.2.1919: Erste Frau im Parlament
"Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat."

Als die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 ihre Rede vor der verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung in Weimar mit der Anrede "Meine Herren und Damen!" begann, ging Heiterkeit durch die Reihen der Abgeordneten - so nachzulesen im Sitzungsprotokoll. Schließlich war es das erste Mal in der deutschen Parlamentsgeschichte, dass die Herren nicht mehr unter sich waren - und dass eine Frau am Rednerpult stand.

Marie Juchacz sagte damals: "Ich möchte hier feststellen - und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Das Wahlrecht.

Raus aus der politischer Entmündigung

Noch wenige Jahre zuvor, im Kaiserreich, waren Frauen politisch entmündigt. Bis 1908 durften sie weder Mitglied in politischen Vereinen sein, noch an politischen Versammlungen teilnehmen. Jahrzehntelang kämpfte eine Vielzahl von Verbänden der Frauenbewegung für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung - und von den Parteien standen allein die später regierenden Sozialdemokraten an ihrer Seite.

Erst mit der Weimarer Verfassung wurde das aktive und passive Wahlrecht für "alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen" eingeführt - und gleich am ersten Wahltag im Januar 1919 von einer überwältigenden Mehrheit wahrgenommen: Über 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab, 37 weibliche Abgeordnete zogen ins Parlament ein.

Marie Juchacz war eine von ihnen: damals knapp 40 Jahre alt und eine vehemente Streiterin für Frauenrechte. 1928, keine zehn Jahre nach ihrer ersten Rede vor dem Hohen Haus, musste sie die Volksvertreter anlässlich der Reichstagswahlen noch einmal an das erinnern, was ihr längst selbstverständlich schien: "Meine Herren und Damen, die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin - überlegen Sie, was das heißt. Es gibt viel mehr Frauen im wahlfähigen Alter als Männer. Durch die Abgabe seiner Stimme am Wahltage kann jeder Staatsbürger politisch mitwirken. Die Tatsache des Frauenwahlrechts sollte jeden Freund der Sozialdemokratie zwingen, um die Frauenstimmen zu werben."

Nicht selbstverständlich, aber keine Ausnahme

Doch die parlamentarische Präsenz von Frauen hatte durch den Nationalsozialismus einen empfindlichen Rückschlag erlitten: 1953 war die Frauenquote mit 8,8 Prozent im Bundestag nicht höher als zu Juchacz Zeiten. Erneut musste Pionierarbeit geleistet werden. 1972 zur ersten Parlamentspräsidentin in der deutschen Geschichte gewählt, machte Annemarie Renger in ihrer Antrittsrede die Frauenrolle zum Thema: "Ich habe ja sehr deutlich gesagt, dass das keine Ausnahmeerscheinung, sondern eine Selbstverständlichkeit sein soll, wenn Frauen dieses Amt oder andere vergleichbare Ämter zu bekleiden hätten"

2007 waren über 30 Prozent der Abgeordneten des neuen Bundestages Frauen, so viel wie nie zuvor. 2005 übernahm Angela Merkel als erste Frau das Amt der Bundeskanzlerin - im 21. Jahrhundert kann zwar noch nicht von einer Selbstverständlichkeit gesprochen werden, aber Ausnahmeerscheinungen sind Frauen in politischen Ämtern auch nicht mehr.

Autorin: Gabriela Schaaf
   
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