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16.2.1984: Herstatt-Urteil
"Geldanlegen darf kein Glücksspiel sein" - mit diesem Slogan warb Anfang der 1970er Jahre die renommierte Kölner Privatbank Iwan D. Herstatt, die zweitgrößte Privatbank der Bundesrepublik, um ihre Anleger. Was die Bank allerdings mit dem Geld ihrer Anleger machte, war Glücksspiel in seiner reinsten Form.

Als das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen die Bank am 26. Juni 1974 schloss, hatten die Devisenspekulanten der Bank 480 Millionen Mark verspielt und insgesamt einen Schaden von 1,2 Milliarden Mark angerichtet - der größte Bankenskandal in Deutschland seit der Weltwirtschaftskrise 1931.

Devisengeschäfte waren bis 1968 kaum lohnend für eine Bank, weil das so genannte Bretton-Woods-System die wichtigsten Wechselkurse der Welt eng aneinander band. Das Spekulieren wurde erst 1971 interessant, als die festen Wechselkurse durch flexible ersetzt wurden und der Dollar eine scheinbar unaufhaltsame Talfahrt begann.

Die sechs jungen Devisenhändler aus dem Hause Herstatt, alle Anfang 20, angeführt von dem Mittdreissiger Daniel Dattel, waren beim Spekulieren besonders erfolgreich. Winzige Differenzen bei den Nachkommastellen der Wechselkurse brachten über Nacht fünfstellige Summen ein, wenn man nur genügend hohe Beträge einsetzte - Beträge freilich, die nicht der Bank gehörten, sondern den Anlegern.

Der Erfolg der jungen Stars am Devisenhimmel ließ sie jede Vorsicht über Bord werfen, selbst Iwan Herstatt und sein Generalbevollmächtigter beteiligten sich an dem Glücksspiel, teilweise auch über Privatkonten und Nummernkonten der Herstatt-Bank Luxemburg. Warum den agilen Kölner Herstatt sein Instinkt verließ und er seine Devisenstars nicht zurückpfiff, wird immer sein Geheimnis bleiben. Der Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch schildert den Kölschen Banker in seinem Buch "Deutsche Pleiten" so:

"Iwan Herstatt war nicht irgendwer in Köln. Er galt als Urgestein, immer präsent, ob im Karneval oder auf dem Opernparkett, ein Experte für Kölsch als Getränk und Kölsch als Lebensart; selbstverständlich war er auch auf dem Golfrasen zu sehen. Und seine Kunden liebten ihn wegen der für einen Kölner standesgemäßen Lebensweise, einschließlich stattlichen Leibesumfanges."

Wer etwas auf sich hielt, legte sein Geld bei Herstatt an, der Kölner Erzbischof Joseph Höffner, Journalisten wie Werner Höfer, Verleger wie Alfred Neven DuMont, ja selbst Raiffeisen- und Volksbanken und Stadtkämmerer, denn bei Herstatt gab's immer etwas höhere Zinsen als anderswo. Mit dem mageren Zinsgeschäft, der Marge zwischen Einlagezinsen und Kreditzinsen, machte Herstatt freilich wenig Gewinn, 1973 sogar einen Verlust von 14 Millionen Mark. Aber wen störte das, solange die Devisengeschäfte so prima liefen? Herstatts Devisentruppe hatte im gleichen Jahr 63,8 Milliarden Mark umgesetzt - etwa die Hälfte des damaligen Staatshaushalts - und dabei einen Gewinn von 48 Millionen Mark an Gewinn ausgewiesen.

Doch es kam, wie es kommen musste: Chefdevisenhändler Daniel Dattel hatte zur Jahreswende 1973/1974 auf einen steigenden Dollar gewettet, doch der fiel entgegen seiner Wette, und Dattel saß auf einem Haufen Dollars, die an Wert verloren, und auf einem Haufen von Terminkontrakten, die ihn verpflichteten, weitere Dollars zu kaufen. Das sprach sich schnell rum in der Branche, und bald war keiner mehr bereit, risikomindernde Gegengeschäfte mit der Herstatt-Bank abzuschließen.

Als die Innenrevision die Notbremse ziehen wollte, war es zu spät: Dattel und Mitstreiter hatten, teilweise auch über Strohmänner und Ehefrauen, von März bis Juni 1994 über 1,39 Milliarden Mark verzockt.

Herstatt damals: "Am 10. Juni wurde ich aus heiterem Himmel von unserem Generalbevollmächtigten informiert, dass die uns angegebenen Zahlen seitens des Devisenhandels nicht stimmten."

Das mit dem heiteren Himmel glaubte ihm später das Gericht nicht ganz - schon 1973 soll er einen Fehlbetrag von 100 Millionen Mark in der Bilanz verschleiert haben.

Herstatt weiter: "Meiner Ansicht nach hätte (die Bank) sicherlich gerettet werden können. Unser Großaktionär war ja bereit, mit erheblichen Mitteln mitzuwirken. Leider ist es aber den Großbanken doch zuviel gewesen, das Haus weiter zu führen"

Der Hauptaktionär Hans Gerling verpflichtete sich im Oktober 1974, 210 Millionen Mark an die Herstatt-Gläubiger zu zahlen. Gesichert wurde der Betrag durch den Verkauf von 51 Prozent der Gerling-Versicherung, Gerling war nicht mehr Herr im eigenen Hause. Iwan D. Herstatt wurde am 16. Februar 1984, zehn Jahre nach der Pleite und 130 Tage vor der drohenden Verjährung, zu viereinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Er starb im Juni 1995 im Alter von 81 Jahren, bis zuletzt von seiner Unschuld überzeugt.

Autor: Rolf Wenkel
   
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