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19.2.1861: Arbeiterbildungsverein in Leipzig
"Eines Tages las ich in der demokratischen 'Mitteldeutschen Zeitung', auf die ich abonniert war, (...) die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im Wiener Saal statt. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt", erinnert sich der junge Drechslergeselle August Bebel an die Gründungsveranstaltung des ersten deutschen Arbeiterbildungsvereins in Leipzig. Bebel wird Mitglied, tritt in die Gesangsabteilung ein und schmettert dort fortan den ersten Bass.

August Bebel: "(…) den bekanntlich jeder singt, der keine Singstimme hat."

Heißt es in den Erinnerungen August Bebels, der wenige Jahre später gemeinsam mit Karl Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gründen wird. Im ersten deutschen Arbeiterbildungsverein verdient sich der damals 20-jährige die ersten Sporen, lernt neben dem Gesang das Reden und Argumentieren.

Von Anfang an gibt es zwei Strömungen in den deutschen Arbeiterbildungsvereinen, die Mitte der 1860er Jahre wie Pilze aus dem Boden schießen. Die stärkere - bürgerlich orientierte - Fraktion vertritt die Ansicht: Bildung macht frei! Und plädiert für Unterricht in Englisch und Französisch, gewerblicher Buchführung, Stenographie und Rechnen.

Die Gegenspieler aus dem sozialistischen Lager mit Karl Liebknecht an der Spitze sagen: "Wissen ist Macht" und fordern: Erst einmal muss der Arbeiter frei sein, frei von Unterdrückung und Ausbeutung durch das Kapital. Und erst dann, im zweiten Schritt, kann sich der freie Arbeiter auch bilden und sein erworbenes Wissen nutzen. Darum wollen sie die Mitglieder politisch schulen, den Blick für die ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse öffnen.

Doch Arbeiterbildungsvereine sind ein Kind ihrer Zeit. Die bürgerliche Revolution von 1848 ist gescheitert, reaktionäre Kräfte haben in den Jahren darauf das Sagen. Und auch wenn zeitgleich mit der einsetzenden Industrialisierung in Deutschland sich kritische Geister wieder zu regen beginnen: Politische Vereine sind im Deutschen Bund verboten und Arbeiter mit revolutionärem Bewusstsein in Deutschland noch rar gesät. So kommt der am 19. Februar 1861 aus der Taufe gehobene Zusammenschluss auch erst einmal recht brav daher, erzählt der Berliner Historiker Jacque Schwarz:

"Sie hatten hauptsächlich vier Aufgaben. Einmal elementare Bildung, um hauptsächlich die Mängel der Volksschule nachzuholen, Rechnen, Schreiben, Lesen. Dann Fortbildung, sowohl Fortbildung im gewerblich-technischen Bereich, die Technik und die sich allmählich entwickelnden Naturwissenschaften spielten ja für die industrielle Entwicklung eine sehr große Rolle. Dann so was wie sittliche Bildung, sehr wichtig für die Persönlichkeitsbildung, da würde dann zugehören Singen, Turnen und Hygiene. Und viertens könnte man sagen, so was wie Gemeinschaftskunde würde man heute sagen, Geschichte ansatzweise, ansatzweise Volkswirtschaftslehre, um sich so ein bisschen den Überblick über gesellschaftliche Zusammenhänge zu verschaffen, denn man muss da auch ein bisschen mitdenken, dass die Arbeiterbildungsvereine am Anfang sehr stark 'ne bürgerliche Ausrichtung hatten."

Ein Jahr nachdem August Bebel das Singen begann, gibt es in Deutschland bereits 100 Arbeiterbildungsvereine. Historikern gelten sie als die Wiege der Arbeiterbewegung, die vier Kinder hat kommen und gehen sehen. Sprössling Nummer eins ist der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, 1863, wieder in Leipzig im Ballhaus Oedeon vor 4000 Zuschauern gegründet. Ferdinand Lasalle, ein Weggefährte Karl Marxs, übernimmt den Vorsitz.

"In herausfordernder Haltung stand der Arbeiteragitator auf der Rednertribüne. Er hatte vor sich eine Anzahl Folianten und Bücher, von denen er hin und wieder eins zur Hand nahm, um einen Satz zu zitieren oder es der Menge als Beweis für die Stichhaltigkeit seiner Thesen entgegenzuhalten", heißt es anlässlich eines Gründungsjubiläums im Rundfunk der ehemaligen DDR.

Das von Ferdinand Lassalle postulierte Ziel: "Die Arbeiter müssen sich eigenständig politisch organisieren und dürfen sich nicht nur auf Selbsthilfe verlassen, sondern sie brauchen Staatshilfe. Und um zu der zu kommen, müssen sie das allgemeine Wahlrecht fordern, weil dadurch dass die Arbeiter die Mehrheit der Bevölkerung stellen würden, sie durch das allgemeine Wahlrecht dann automatisch auch die politische Macht erringen."

Das zweite Kind ist die 1869 in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei, Nachkomme Nummer drei die Gewerkschaftsbewegung, und zu guter Letzt gehen auch die deutschen Volkshochschulen auf den ersten am 19. Februar 1861 in Leipzig gegründeten Arbeiterbildungsverein zurück.

Autorin: Gerda Gericke
   
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