Kalenderblatt dw.com
 
21.2.1946: "DIE ZEIT" erscheint
"Wir werden niemandem nach dem Munde reden." Dieser programmatische Satz stammt aus der ersten Ausgabe der ZEIT - jenem hanseatisch-liberalen Wochenblatt, das wie nur wenige Zeitungen die Publizistik in der Bundesrepublik mitgestaltet hat.

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 in einer Startauflage von 23.000 Exemplaren erschien, wollte man nach dem Ende des NS-Regimes die pädagogisch-aufklärerischen Möglichkeiten des Mediums nutzen, so der verstorbene Verleger und Gründer der ZEIT Gerd Bucerius:

Gerd Bucerius: "Als das Ende des Hitler-Regimes vorherzusehen war, habe ich mir wie viele meiner Freunde gesagt: 'Das letzte Mal vor 1933 haben wir andere das andere Leute - die Politik - machen lassen, haben uns unseren Beruf und Gewerbe gewidmet, haben die Politik interessiert verfolgt, haben aber nicht mitgearbeitet. Und dieses hat zum Untergang geführt.' Deshalb hab' ich mir damals gesagt: 'Das nächste Mal bist du in der Politik drin, das nächste Mal versuchst du, in der Presse drin zu sein, um von der Seite her auf die Nation einwirken zu können.'"

Die beherrschenden Themen in den ersten Nachkriegsjahren, das waren Fragen der Demokratie und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. In die Schlagzeilen geriet die ZEIT durch ihre düsteren Nachkriegsreportagen, vor allem durch ihre Kritik an den Alliierten.

Wenn man heute die Berichterstattung der ZEIT noch einmal Revue passieren lässt, dann scheint die alliierte Besatzungspolitik weitaus schlimmer gewesen zu sein als die nationalsozialistischen Verbrechen. Der Historiker und ZEIT-Redakteur Karl-Heinz Janßen:

"In den allerersten Nummern war es wohl noch nicht erlaubt, aber dann fing ja schon der Kalte Krieg an, und da konnte ja nichts besseres passieren, als nun auch einen strammen Antikommunismus zu praktizieren."

In den 1960er Jahren begleitete die ZEIT zwei zentrale Weichenstellungen: das Ende der Ära Adenauers und die Hinwendung zur Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt. Politische Bedeutung erlangte die ZEIT vornehmlich in der Außen- und Sicherheitspolitik, hier gehört sie zu jenen Kräften, die vor den Folgen des Ost-West-Konfliktes eindringlich warnten.

Die Wende von 1989 war für die Redaktion ein schwieriges Jahr. Lange Zeit glaubte man nicht an die Wiedervereinigung. Mit der eigenen Krise einher ging auch die des politischen Liberalismus in Deutschland. Hätte daraus der ZEIT nicht eine besondere Aufgabe erwachsen können? Ihr langjähriger Feuilleton-Chef Fritz J. Raddatz:

"Es wäre ihr zugewachsen, aber sie hat diese Aufgabe vorläufig nicht erfüllt. Also, erst einmal hätte man die Debatten 'Ja-Liberalismus - Nein-Liberalismus' und 'Was ist heute Liberalismus?' energischer, vernünftiger führen müssen. Vor allem aber, das ist eins der ganz großen Defizite, dass man sich überhaupt nicht mit der Situation der neuen deutschen Bundesländer beschäftigt hat. (...) Das Gegenargument, dem im Übrigen schwer zu begegnen ist, heißt, von der Chefredaktion oder wem auch immer: 'Ja, wir haben dort keine Leser, wir haben eine ganz winzige Auflage nur. Warum sollen wir deren Problemen begegnen? Unsere Leser sitzen in Kassel, in München oder meinetwegen in Toronto, aber nicht in Leipzig, Dresden oder Cottbus.'"

Zum äußeren Credo der ZEIT gehört noch immer, dass man sich einem modisch-lüsternen Scheck- und Sensationsjournalismus verweigert. Ihre Sache ist eher das mäßigende Abwägen. Es ist die moralisch-engagierte Haltung, die die ZEIT repräsentiert und zu einem international renommierten Meinungsblatt gemacht hat - auch und gerade was die Nachwirkungen der NS-Vergangenheit betrifft. Zu den Konstanten der ZEIT-Berichterstattung gehört seit nunmehr 56 Jahren ihr staatstragender Politikbegriff.

Fritz J. Raddatz: "Also, das Staatstragende ist, was ich vor allem dem politischen Ressort ankreide oder gar vorwerfen würde. Die sprechen oft mit der Stimme von Staatssekretären, oder sie berichten so, dass sie, Gott behüte, im nächsten Monat in der Kanzlermaschine nach Peking fliegen können. Also, sie riskieren nichts. (...) Le Monde druckt auf Seite Eins einen Nachruf auf Jean Genet, sag' ich mal, hier undenkbar. Auf Seite Eins ist immer Möllemann oder irgendwas."

Autor: Michael Marek
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde, als das Risiko zu blühen.
  > Anaïs Nin
> RSS Feed
  > Hilfe
Wie heißt die Hauptstadt der Republik Simbabwe?
  Lilongwe
  Harare
  Windhuk