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22.2.1928: Afghanischer König in Berlin
"Großer Bahnhof" in Berlin: Die Monarchie ist noch keine zehn Jahre abgeschafft in Deutschland und die Weimarer Republik von unzähligen Problemen geschüttelt, da kommt der erste ausländische Staatschef zu Besuch. Und noch dazu ein echter König: Aman Ullah Khan aus Afghanistan.

Mit 21 Salutschüssen wird er begrüßt, als er und seine Frau im festlich geschmückten Lehrter Bahnhof aus dem Zug steigen. Die Menschen sind begeistert und sicher liegt etwas Wehmut in dieser Begeisterung. Wehmut darüber, dass der Kaiser im niederländischen Exil lebt und der seit drei Jahren amtierende Reichspräsident - der ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg - eben doch kein vollwertiger "Ersatz" ist.

So jubelt man Aman Ullah zu, wie er mit Hindenburg im offenen Wagen durch Berlin fährt. Man verschlingt Klatsch und Tratsch über den Besuch und man singt sogar einen schnell geschriebenen Schlager "Amanullah, Amanullah" - der heute freilich längst vergessen ist. Und dabei dürften die wenigsten der Jubler eigentlich wirklich wissen, wen sie da feiern oder was für ein Land dieses Afghanistan ist, obwohl es damals bereits sehr gute Beziehungen zwischen Kabul und Berlin gibt.

Aman Ullah ist ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges König geworden, er hat den Einfluss der Briten in seinem Land gebrochen und 1921 die Unabhängigkeit Afghanistans durchgesetzt. Und der König hat es sich in den Kopf gesetzt, sein Land zu modernisieren.

Die Deutschen scheinen ihm dabei geeignete Verbündete. Verkündet der König an der festlichen Tafel des Reichspräsidenten vor einem aus Eis gemeißelten Schiff mit Kaviar:

Aman Ullah: "Afghanistan hat stets die Tatkraft des deutschen Volkes bewundert. (...) Immer haben wir auch den deutschen Mitarbeitern, die sich dem Dienste unseres Landes widmeten, volles Vertrauen geschenkt."

Bei der Unabhängigkeit Afghanistans 1921 gab es rund 20 deutsche Experten im Land, überwiegend Ärzte, Ingenieure und Lehrer. Deutschland, seit Ende des Krieges immer noch geschwächt und isoliert, sieht hier eine ideale Möglichkeit, Anschluss zu finden an den Rest der Welt, Geld zu verdienen und die Verbindung nach Asien zu stärken. Afghanistan ist immer schon als Teil der Landbrücke von Europa nach Ostasien umworben und auch umkämpft worden.

Das sicher herausragendste Beispiel dieser engen und guten Beziehungen ist die deutsche Schule in Kabul. 1924 bereits wird die "Amani-Oberrealschule" auf Initiative Aman Ullahs und mit Unterstützung des Deutschen Reiches gegründet. Nominell zwar als afghanische Regierungs-Schule für Jungen, aber doch mit massiver Unterstützung aus Berlin.

Deutsch war Unterrichtsfach und einige, besonders naturwissenschaftliche Fächer werden in der Oberstufe in Deutsch unterrichtet - anhand deutschsprachiger Schulbücher. Über Jahrzehnte hinweg ist sie Schule der akademischen und auch politischen Führungsschicht.

Der König hat aber noch viel mehr vor. Obwohl zur Zeit seines Besuches in Berlin der Anteil der deutschen Experten bereits so sehr angewachsen ist, dass diese nach den Türken die zweitgrößte Gruppe von Ausländern stellen, sollen noch mehr kommen. Und deutsche Technologie:

Der König besucht Siemens und andere große Firmen, er schreibt sich ins Gästebuch des Radiosenders von Nauen, und er stellt sich selbst ans Lenkrad eines Berliner U-Bahn-Zuges: Dieser Zug vom Typ A II wird seitdem von den Berlinern "Amanullah" genannt, in Erinnerung an den königlichen Lokführer. Das letzte Exemplar dieses Zuges ist nach langer Suche und Reparaturarbeiten rechtzeitig zur 100 Jahrfeier der Berliner U-Bahn Anfang 2002 wieder fahrtüchtig gemacht worden und steht im Museum der U-Bahn.

Auch die Luftfahrt hatte es dem König angetan: In Dessau kauft er eine "Junkers F13" und lässt sie nach Afghanistan bringen. Nach dem Sturz Aman Ullahs bleibt das Flugzeug in Kabul zurück, wird in den dreißiger Jahren noch einmal von Deutschen repariert und dann erst wieder 1968 auf einem Schrottplatz gefunden. 1969 kommt der Rumpf an Bord einer Bundeswehr-"Transall" nach Deutschland und ist heute im Deutschen Museum zu bewundern.

Zurück zu Aman Ullah: Berlin ist nur eine Station auf einer großen Europa-Reise. Aber nirgendwo wird er so hofiert wie an der Spree und nirgendwo wird so großzügig bedacht wie hier: Sechs Millionen Reichmark nahm er als Entwicklungshilfe mit. Hiermit will er die Verwaltung ausbauen, die von ihm erklärte Schulpflicht umsetzen, ein Telefonsystem einführen und die Armee modernisieren.

Aman Ullah kommt nicht dazu: Nur Monate nach seiner Rückkehr wird er gestürzt und muss ins Exil fliehen. Er ist seinen Gegnern zu modern und reformorientiert. Mit der Vertreibung Aman Ullahs erhalten die deutsch-afghanischen Beziehungen einen starken Dämpfer. Sie erholen sich aber bald wieder, und wenn man bis heute von traditioneller Freundschaft zwischen beiden Ländern spricht, dann ist der Ursprung sicher in jenen Tagen zu suchen, als König Aman Ullah in Berlin bejubelt wird.

Autor: Peter Philipp
   
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