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27.2.1920: "Cabinet des Dr. Caligari" Premiere
Die Legende lebt. Denn was da im Winter 1919/1920 in einem kleinen Glashaus in Berlin Weißensee entsteht, geht als zentrales Werk in die Geschichte des deutschen Stummfilms ein: "Das Cabinett des Dr. Caligari", unter der Regie von Robert Wiene, ist ein nie wieder erreichtes Meisterwerk des Expressionismus. Rudolf Kurtz, in den 1920er Jahren Leiter des Kulturfilmressorts der UFA, zeigt sich begeistert:

Wiene: "Eine Spur von Dichtung ist in diesem Film. Dieser Dr. Caligari erfüllt Träume E.T.A. Hoffmanns; er ist der Geheimnisvolle ohne Heimat und Ziel, der immer da ist und dem Menschen die Elixiere des Teufels kredenzt. Ein Dämon ohne Gewolltheit, in jeder Gebärde etwas unbegreiflich Schillerndes."

Ein brisanter Film, denn neben dem berühmtesten deutschen Stummfilm schreibt "Dr. Caligari" Geschichte als der berühmteste Psychiatriefilm um die Zwiespältigkeit der menschlichen Seele, die wie im Fieberwahn abgelichtet wird.

Aus künstlerischem Wagnis und Sparsamkeit des Produzenten entsteht ein Welterfolg. In dessem Mittelpunkt stehen der Hypnotiseur und Schausteller Caligari und sein Medium Cesare. Cesare ist ein sogenannter "Somnambuler", ein Schlafwandler. Er tötet unter der Hypnose seines Meisters mehrere Menschen.

Der Student Francis erkennt ihn, als Cesare seine Angebetete Jane verschleppt. Francis entlarvt auch das Doppelleben Dr. Caligaris. Außer Cesares Hypnotiseur ist Caligari auch Direktor einer Irrenanstalt. Er ist besessen davon, eine Person wie der mythische Caligari zu werden und landet zum Schluss in einer Zelle seiner eigenen Anstalt.

Diese fast banale Grusel-Kriminal-Geschichte ist der eigentliche Plot des Films. Der geniale Kunstgriff ist die Rahmenhandlung. Ein verwirrter Francis erzählt die Geschichte einem anderen Insassen der psychiatrischen Anstalt, in der sich auch Jane und Cesare in ganz anderen Rollen finden. Als der Patient Francis den gutherzigen Direktor als wahnsinnigen "Caligari" bezeichnet, erkennt jener den Schlüssel zum Wahn seines Patienten und äußert sich optimistisch zu seiner Heilung.

Erst diese Rahmenerzählung öffnet dem Film die Möglichkeit, nicht nur äußere Welten darzustellen, sondern das Innenleben einer Figur so zu illustrieren, dass die Logik des Erzählten den Geisteszustand des Erzählers wiedergibt. Eine meisterliche stilistische Verbindung von Kunst mit verschiedenen Formen des Wahnsinns.

Doch weder die Thematik noch die Geschichte, erst die Ausstattung, das Dekor verknüpfen den Film mit der expressionistischen Strömung seiner Zeit. Aus finanzieller Not machte die Truppe ein innovative Tugend. Statt aufwendiger naturalistischer Kullissen aus Sperrholz und Pappe, entsteht eine alptraumhafte Welt in Schwarzweiß. Kubistisch-schiefe Häuser, endlos scheinende kafkaeske Gänge werden unterstützt vom Make up und Kostümen sowie der ausdrucksstarken Mimik und unvergleichlichen Präsenz der Körpersprache der Akteure. Lil Dagover spielt die Rolle der Jane. Sie erinnert sich an ihr großes Vorbild:

"Und dann sah ich, wie der Werner Kraus durch die Dekoration des Films ging, vollkommen in der Rolle des Caligari. Und ich sagte: 'Guten Morgen, Herr Kraus.' Er hat mich angeschaut, als ob er mich niemals im Leben gesehen hätte. Und da sagte ein Beleuchter: 'Ab neun Uhr ist er eben Caligari.' Sehen Sie, da ist mir der Knopf aufgegangen, dass dieser berühmte Schauspieler sich die größte Mühe gegeben hat in diese Rolle förmlich hineinzukriechen."

Indem der Film in einem provokanten Ende offen lässt, was Halluzination, was Wirklichkeit ist, tut sich jene Doppelbödigkeit auf, die beim Anschein größtmöglicher Naturnähe auf Illusion und Sinnestäuschung beruht. Das "Cabinet des Dr. Caligari" ist nichts anderes als das Kino selbst.

Autorin: Barbara Fischer
   
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