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4.3.1928: Erstes Kandahar-Rennen
"In Kandahar sind nach US-Fernsehberichten schwere Kämpfe ausgebrochen. Es sei Artillerie-, Maschinengewehr- und Flugabwehrfeuer zu hören, meldet CNN. Zuvor waren mehrere hundert US-amerikanische Elitesoldaten bei Kandahar gelandet."

Im Süden Afghanistans halten die Taliban weiter ihre Position um Kandahar. US-amerikanische und britische Elitesoldaten durchkämmten Gebiete südlich der Stadt auf der Suche nach Osama Bin Laden. Der Extremistenführer hält sich nach Einschätzung des ehemaligen Gouverneurs von Kandahar möglicherweise südwestlich der Stadt auf.

Mit massiven Luftangriffen haben US-Kampfflugzeuge die letzte grosse Taliban-Bastion Kandahar sturmreif geschossen. Flüchtlinge berichten, der Bombenhagel habe in Kandaher ein Chaos ausgelöst.

Nicht erst seit dem 11. September 2001 ist Kandahar eine "begehrte" Region. Der Name verbunden mit Kampf, mit Sieg und Niederlage. Schon Alexander der Große soll die alte Stadt an der Seidenstrasse als Garnison eingenommen haben; die Ansiedlung am Rande des Hindukusch-Gebirges war aus strategischen Gründen wichtig für die kämpfenden Parteien:

"Es liegt an einer Strecke, wo man sowohl in Richtung Persien als auch in Richtung Indien von der alten Kulturstadt Feldzüge unternehmen konnte. Hier konnte man seine Truppen stationieren und von dort aus weitere Eroberungen beginnen", erklärt Said Musa Samimy, der Leiter der Afghanistan-Redaktion der Deutschen Welle, der in Kandahar aufwuchs.

Als um 1880 sowohl Russland als auch das Britische Empire um ihren Einfluss in Kandahar stritten, wurde Frederick Sleigh Roberts nach Afghanistan geschickt. Der britische Feldmarschall, der in Indien stationiert war, erreichte mit seinen indischen und britischen Regimentern Kandahar am 31. August 1880 nach einem 23-tägigen Fußmarsch von Kabul aus.

Einen Tag später war die 15.000köpfige Armee des Emir von Afghanistan Ayub Khan geschlagen. Der Held dieser Eroberung war - zweifelsohne - Lord Roberts, der hernach von Queen Victoria den den Titel "Earl of Kandahar" verliehen bekam. Auch seine weitere militärische Karriere verlief glänzend: Unter anderem schlug er um 1900 in Südafrika die Buren.

Zum Auftanken zog sich der Kriegsheld immer wieder in Gegenden zurück, in denen sich der britische Adel gern die Zeit vertrieb: in schneebedeckte Alpenregionen. Damals wie heute galt der Arlberg in Östreich als ausgezeichnetes Skirevier. Als 1903 der skibegeisterte Engländer Sir Arnold Lunn dort im Westen Österreichs mit der Ausrichtung des ersten offiziellen Abfahrtsrennens bei Teilnehmern und Zuschauern gleichermaßen Begeisterung auslöste, war es der populäre, 68jährige Feldmarschall Lord Frederick Sleigh, der mit einer Geste seinen Namen nachhaltiger bekannt machte, als es alle seine großen Erfolge auf Kriegsschauplätzen je vermocht haben:

Der Earl of Kandahar stiftete einen Wanderpokal für alpine Skirennen - dazu gehörten Slalom und Abfahrt. In Erinnerung an den Gönner gründete Sir Arnold Lunn am 30.Januar 1924 zehn nach dessen Tod im schweizerischen Mürren den ersten Kandahar-Skiklub. Fortan machte sich der Verein die Förderung des Skifahrens zum Ziel. Das erste offizielle Kandahar-Skirennen, eine Kombination aus Abfahrt und Slalom, fand am 4. März 1928 am Arlberg statt.

1930 erkannte der Internationale Skiverband die Kandahar-Rennen als inoffizielle Weltmeisterschaft an - gegen den Widerspruch der traditionsbewussten Skandinavier, die sich für die ausschließliche Durchführung von Langlauf- und Skisprung-Wettbewerben aussprachen.

Doch der Widerspruch gegen das Moderne war zwecklos. Fortan wurden alpine Rennen abwechselnd auf fünf Kandahar-Pisten ausgetragen: in St.Anton am Arlberg, Mürren in der Schweiz, im italienischen Sestriere, im französischen Chamonix und in Garmisch-Partenkirchen ging es um Sieg und Platz.

Mit der Einführung des alpinen Skiweltcups 1967 verloren die Kandahar-Rennen an Bedeutung - doch der wohlklingende Name Kandahar hatte weiterhin Bestand: Gasthäuser wurden so benannt, Lammfellmäntel - in Schweden hergestellt tragen den Namen; eine Firma in den USA produziert hochwertige Kandahar-Kaschmir-Schals und als wertbeständig gelten auch die Schuhe der Marke Kandahar - für 350 Euro das Paar.

"Wir sind schockiert von den Todesfällen und die Zerstörung am 11.September. Wir drücken unsere Trauer all denen gegenüber aus, die von dem Unglück betroffen sind", schreibt die Schweizer Schuhfirma Kandahar auf ihrer Internetseite, denn seit den Anschlägen in den USA und dem Kampf gegen die Taliban in Afghanistan ist der Name Kandahar häufiger im Rahmen der Kriegsberichterstattung genannt worden als in Werbeprospekten für hochwertige Markenware oder auf den Wintersportseiten der Zeitungen.

"Sollten die sozialen, kulturellen, bauwerklichen Verwüstungen beseitigt, die seelischen Wunden der Bewohner Kandahars verheilt sein, der Frieden Einzug gehalten haben am Hindukusch - vielleicht zieht es dann naturliebende Abenteurer in die fruchtbare Region. Ihre Schneebretter können sie dort allerdings nicht zum Einsatz bringen", erklärt der Afghane Said Musa Samimy:

Said Musa Samimy: "In Kandahar kennen wir überhaupt keinen Schnee. Wenn Sie ein Kind aus Kandahar fragen würden, kennt es den Begriff vielleicht schon, aber physisch hat er nie Schnee in der Stadt und der Umgebung gesehen. (…) gibt es Schnee 100 Kilometer weit weg. Da gibt es eine wunderschöne Gegend, die heißt Rondan, dort gibt es Schnee."

Autorin: Karin Jäger
   
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