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23.2.1983: Maßnahme gegen das Waldsterben
"Wir befinden uns vor einem Fichtenbestand, der ganz deutlich Waldschadensbilder aufweist."

"Und wenn man jetzt vorne guckt, sie sehen also dahinten durchschimmernd einen Baum, der ganz hängende Äste, eine sehr lichte Krone hat, das heißt also, er wird sicher in den nächsten Jahren kaputt gehen."

50 Prozent der Bäume sind in seinem Waldbestand erkrankt, schätzt Förster Udo Kunze aus Köln. Der Grund: Der so genannte saure Regen, bei dem giftige Substanzen aus der Luft durch Wolkenbildung und Regen in den Boden dringen und die Bäume schädigen. Der deutsche Wald ist noch lange nicht gesund. Eine Beobachtung, die Andreas Krug vom BUND bestätigen kann.

"60 bis 65 Prozent der Bäume sind nach wie vor geschädigt. Und das ist für uns alles andere als ein Entwarnungssignal."

Anfang der 1980er Jahre waren die Zahlen alarmierend. Die Schornsteine der Großkraftwerke pusteten neben Stickoxyden jährlich über 1,5 Millionen Tonnen Schwefeldioxyd in die Luft. Am 23. Februar 1983 verabschiedete das Kabinett deshalb die so genannte Großfeuerungsanlagenverordnung, die noch von der alten SPD geführten Regierung eingeleitet worden war. Ein Meilenstein in der Geschichte der Umweltpolitik, meint Herbert Ludwig vom Bundesumweltministerium.

"Es war insofern ein Meilenstein, als es vorher schon Vorschriften gab jeweils für neue Anlagen. Die Großfeuerungsanlagenverordnung war zum ersten Mal eine Regelung, die eine Sanierung der damals bereits bestehenden Anlagen festgelegt hat."

In der Hauptsache besagte die neue Verordnung, dass der Schwefeldioxydausstoß von 650 Milligramm auf 400 Milligramm pro Kubikmeter gesenkt werden sollte. Altanlagen ab einer bestimmten Größe mussten mit Rauchgasentschwefelungsanlagen ausgestattet oder in absehbarer Zeit stillgelegt werden. Die Proteste blieben nicht aus. Die Industrie tat sich mit ihren Gewerkschaften zusammen und warnte vor Entlassungen und Strompreiserhöhungen aufgrund der anfallenden Sanierungskosten.

Auf der anderen Seite meldeten sich die Umweltschützer zu Wort. Ihr Motto: Schwefel ist Frevel. 400 Milligramm Schwefeldioxyd, das sei noch immer zu viel. Außerdem seien die Fristen für die Umrüstung von Altanlagen zu lang, und Umweltsünder würden nicht einmal zur Kasse gebeten. Auch die Umweltminister von Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg forderten schärfere Auflagen. Herbert Ludwig, der damals Referatsleiter für Anlagenbezogene Luftreinhaltung war, erinnert sich.

"Das waren schon heftige Kämpfe. Ich kann mich an viele Veranstaltungen erinnern, dann kam man in große Säle, da waren 400, 500 Leute emotionsgeladen, und da wurde Tacheles geredet."

Am 1. Juli 1983 trat die Verordnung in Kraft, die auf Drängen des Bundesrates noch in einigen Punkten verschärft worden war, besonders was die Restlaufzeit von Altanlagen anbelangte. Bis zum Jahr 1993 sollte der Ausstoß von Schwefeldioxyd auf 0,5 Millionen Tonnen jährlich gesenkt werden. Dafür mussten insgesamt etwa 200 Großanlagen umgerüstet oder stillgelegt werden. Der Ausstoß von Schwermetallen und Stickstoffoxyden sollte laufend gesenkt werden, allerdings ohne konkrete Vorgaben, was bis heute ein Kritikpunkt der Umweltschützer ist. Andreas Krug vom BUND:

"Wir wollen, dass vor allen Dingen Stickstoffemissionen aus Verkehr, aus Industrie und auch aus der Landwirtschaft in diese Großfeuerungsanlagenverordnung aufgenommen werden."

Das Bundesumweltministerium gesteht ein, dass man die Verordnung noch verbessern könnte. Aber Herbert Ludwig macht sich eher Sorgen um die Kraftwerke im grenznahen Bereich.

"Wir kriegen also aus dem Ausland eine erhebliche Menge an Schwefeldioxyd, an Stickstoffoxyden und unser Hauptziel ist ein Gleichziehen der Anforderungen in Europa."

Der Wald stirbt weiter lautet die Bilanz der Umweltschützer, die im Gegensatz zu den Ministerien auch leicht geschädigte Bäume in die Statistik einbeziehen. Beim Umweltministerium und beim Landwirtschaftsministerium werden die Waldschäden größtenteils noch als Folgeschäden aus den Zeiten vor der Großfeuerungs-Anlagenverordnung gesehen. Für Herbert Ludwig steht fest:

"Wäre die Verordnung nicht gekommen, wären die Waldschäden viel dramatischer angestiegen, als sie heute sind."

Autorin: Gaby Reucher

   
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