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22.1.1979: "Holocaust" im Fernsehen
Als am 22. Januar 1979 die US-amerikanische Fernsehserie "Holocaust" über alle zusammengeschalteten Dritten Programme des deutschen Fernsehens ausgestrahlt wurde, war die Wirkung so groß, dass schon nach der ersten Folge von einem der größten Medienereignissen der vergangenen Jahre gesprochen wurde. Was jahrzehntelange Aufklärungsarbeit nicht vermocht hatte, war auf einmal Wirklichkeit geworden: Millionen von Menschen zeigten sich betroffen. Noch in der gleichen Nacht liefen die Telefone in den Fernsehanstalten heiß.

Insgesamt haben im Januar 1979 rund 20 Mio. Zuschauer ab 14 Jahre die vierteilige Fernsehserie gesehen, Einschaltquoten, die bis dahin nur Fußballübertragungen oder Krimis erreicht haben. Ein überwältigendes Ergebnis.

Die Serie: Inhalt

Die Serie beleuchtet das Schicksal zweier deutscher Familien von 1935 bis 1945. Die jüdische Familie Weiss erlebt die Reichsprogromnacht, Euthanasie, Warschau, Buchenwald, Theresienstadt, Babi Yar, Sobibor und Auschwitz. Der arische Jurist Erik Dorf dagegen wird von seiner karrierebesessenen Frau Martha in den Führungsstab um Hitler gedrängt. Auch er ist an jedem berüchtigten Ereignis beteiligt, berät Heydrich, ist bei Massenerschießungen dabei, kauft das Gas Cyclon B.

Die Serie: Für und Wider

Bereits im Vorfeld musste der Ankäufer der Serie, der Westdeutsche Rundfunk, Medienanfeindungen ertragen, wie ein Zitat aus der Tageszeitung "Die Welt" zeigte: "Und für solch ein dubioses Vergnügen blättert der WDR auch noch Millionen hin. Der Fall ist wohl schlimmer als auf dem ersten Blick schien. Die Verantwortlichen gehören in die Wüste geschickt."

Der damalige WDR-Fernsehdirektor Hans-Werner Hübner verteidigte den Ankauf von "Holocaust": "Es ist ein Film für zwei Generationen. Die Älteren, die sich noch an das Dritte Reich erinnern, wenn auch nur schwach, wenn sie es als Kind erlebt haben, und es ist auch ein Film für die junge Generation. Vielleicht kommt eine Diskussion in Gang?"

Sie kam in Gang, nicht nur privat, bei Familien - auch öffentlich. Mehr als 12.000 Zuschriften erreichten damals die Fernsehanstalten. Überwiegend positive Reaktionen: "Der Film hat fertig gebracht, was tausend Geschichtsbücher nicht fertig gebracht haben. Ein großer Teil der Bevölkerung setzt sich jetzt mit dem dunkelsten Punkt unserer Geschichte auseinander." Aber es gab ebenso - wie zu erwarten - ablehnende Stimmen: "Das unablässige Bemühen der Juden, den Schmutz der Vergangenheit nach oben zu kehren, bewirkt im zunehmenden Maße, das deutsche Volk in der ganzen Welt zu verteufeln."

Die Serie: Made in Hollywood

Es gab auch andere Fragen: Hätten wir es nicht selber machen müssen, statt eine US-amerikanische Serie zu übernehmen? Holocaust made in Hollywood? Marcel-Reich-Ranicki sagte damals dazu: "Es war Aufgabe der Deutschen, diesen Film zu machen, und es ist höchst bedauerlich, dass ein Film, der auf populäre Weise mit populären, kunstgewerblichen Mitteln diese Problematik dem Publikum zugänglich gemacht hatte, nicht in Deutschland gemacht wurde."

Darauf antwortete Günter Rohrbach, der damalige Fernsehspielchef des WDR: "Kein Zweifel, dieser Film war nur in Amerika möglich. Dem Massenmedium zu geben, was es braucht, einen hochempfindlichen, sich der Darstellbarkeit scheinbar entziehenden Gegenstand so zu erzählen, dass jedermann davon angerührt wird. Ja, die amerikanischen Produzenten sind zu bewundern, ihre dramaturgische Unbekümmertheit, für ihren Mut, ihre Trivialität. Die Massenvernichtung der Juden als Unterhaltungsfilm."

Fiktion und Wirklichkeit

Eine Zeitzeugin, die Theresienstadt, Mauthausen, Freiberg und Auschwitz überlebte, hat alle Grausamkeiten der Lager durchlitten, sie sagte: "Nein, man kann es nicht darstellen, man kann es vielleicht beschreiben, man kann es vielleicht irgendwo erzählen, aber in einem Film, vor allem in solch einer Seifenoper, wo dann auf Tränendrüsen gedrückt wird (...). Das ist genauso, wenn eine Mutter erzählt, was sie bei der Geburt ihres Kindes erlebt hat, welche Schmerzen sie gehabt hat. Kann das Kind das verstehen?"


Autorin: Doris Bulau
   
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