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14.6.1942: Anne Frank begann Tagebuch
"Ich werde, hoffe ich, Dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, Du wirst mir eine große Stütze sein." Der Satz eines jungen Mädchens, geschrieben in ein rot-orange-grau kariertes Poesiealbum. Noch deutete nichts darauf hin, dass dieses Tagebuch einmal zu den berühmtesten der Welt gehören sollte, dass seine Verfasserin zu einer Symbolgestalt des Holocaust würde: Anne Frank, geboren am 12. Juni 1929 in Frankfurt als Tochter des jüdischen Kaufmanns Otto Frank, 1933 emigrierte nach Amsterdam, gestorben ist sie im Februar oder März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Tagebuch bekam Anne zu ihrem 13. Geburtstag, zwei Tage später, am 14. Juni 1942, begann sie zu schreiben: zunächst vom Alltag in den besetzten Niederlanden, der für Juden immer unerträglicher wurde. Dann nur wenige Wochen später vom Leben im Versteck, im Hinterhaus der väterlichen Firma, Prinsengracht 263.

Hier hofften die Franks mit den Töchtern Anne und Margot, das Ehepaar van Pels mit Sohn Peter und der Zahnarzt Fritz Pfeffer, Krieg und Judenverfolgung zu überleben. Acht Menschen, die auf engstem Raum 25 Monate miteinander auskommen mussten - und immer die Angst im Nacken, sie schrieb: "Ohne Gott wäre ich schon längst zusammengebrochen. Ich weiß, dass ich nicht sicher bin, ich habe Angst vor den Zellen und Konzentrationslagern, aber ich fühle, dass ich mutiger geworden bin und in Gottes Armen liege."

Anne Franks Gegenüber

Miep Gies, die wichtigste Helferin der Untergetauchten, erinnerte sich über 40 Jahre später: "Wenn die Möglichkeit da war, bin ich des Öfteren mittags leise hinaufgegangen, den Menschen etwas Freude zu machen, denn die mussten ja den ganzen Tag sitzen bleiben, nur lesen, sich nicht bewegen. Ich dachte, wenn ich hinaufgehe, ganz leise, kann ich doch reden mit ihnen, etwas erzählen von draußen, denn da waren sie ja sehr neugierig, ich würde sagen, hungrig."

Das Tagebuch war in dieser Situation Annes wichtigstes Gegenüber, ihr Du, dem sie den Namen einer erdachten Freundin gab. Liebe Kitty, so beginnen die Einträge, die von großem schriftstellerischem Talent zeugen und so gar nichts mit den üblichen Herzensergüssen einer Jugendlichen zu tun haben:

Miep Gies dazu: "Wenn ich hinauf war, und ich hatte ein Gespräch mit der Anne, dann schlich manchmal etwas herein in das Gespräch, dass ich nicht mit einem Kinde sprach, sondern mit einem älteren, einem größeren Menschen, mit einem Erwachsenen."

Anne Franks Aufzeichnungen

Anne Frank schrieb: "Stell Dir vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman vom Hinterhaus herausgeben würde. Nach dem Titel allein würden die Leute denken, dass es ein Detektivroman wäre. Aber im Ernst, es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon seltsam erscheinen, wenn erzählt wird, wie wir Juden hier gelebt, gegessen und gesprochen haben."

Ja, sie wollte Schriftstellerin werden oder Journalistin. Und noch während sie ihre täglichen Aufzeichnungen fortsetzte, begann sie im Mai 1944 ihr altes Tagebuch zu überarbeiten - als Grundlage für eben dieses Buch, dem sie den Titel "Das Hinterhaus" geben wollte.

In ihr Tagebuch schrieb Anne Frank: "Oh ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben auch nach meinem Tod."

Anne Franks Fortleben

Niemand im Versteck wusste von dieser erwachseneren Anne, die sie selbst die schönere, reinere und tiefere nannte. Niemand kannte den Inhalt ihres Tagebuchs, und selbst Miep Gies, die Annes Aufzeichnungen vor der Gestapo rettete, hat sie nach dem Krieg ungelesen Otto Frank übergeben, dem einzigen Überlebenden der Familie und späteren Herausgeber des 'Tagebuchs der Anne Frank':

"Wie Sie wissen aus dem Tagebuch, ihr Vater war ihr bester Freund, dem hat sie viel zuvertraut, aber nach dem Kriege, wie der Herr Frank das Tagebuch seiner Tochter gelesen hat, hat er zu uns gesagt: ihr Inneres, ihre tiefsten Gedanken waren für mich auch ein geschlossenes Buch," sagte Miep Gies.

Annes Wunsch nach Ruhm ist in Erfüllung gegangen, doch sie selbst hat es nicht mehr erlebt. Am 4. August 1944 wurden die acht Untergetauchten verhaftet und mit dem letzten Transport von den Niederlanden nach Auschwitz und später nach Bergen-Belsen verschleppt.



Autorin: Gabriela Schaf
   
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