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22.12.1989: Ende des "Stasi-Knasts" Bautzen II
Bautzen II ist ein Symbol für die politische Haft in der ehemaligen DDR. Als "Stasi-Knast" hat der Gefängniskomplex traurige Berühmtheit erlangt. Formal unterstand Bautzen II, wie alle Gefängnisse in der DDR, dem Ministerium des Innern. Inoffiziell besaß jedoch das Ministerium für Staatssicherheit die Verfügungsgewalt und hatte die uneingeschränkte Kontrolle. So war beispielsweise lange Zeit der Gefängnisdirektor hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Von 1956 bis 1989 wurden etwa 2.700 Menschen von der Staatssicherheit der DDR in Bautzen II inhaftiert, davon waren etwa 80 Prozent politische Häftlinge. Hauptgründe für die Verurteilung zu oft mehrjährigen Gefängnisstrafen waren Fluchtversuche aus der DDR, Mithilfe bei Fluchtversuchen oder Spionageverdacht. Aber auch abtrünnige Staatssicherheitsmitarbeiter oder Menschen, die ihre Kritik am System oder an der Regierungspartei geäußert hatten wurden gefangen genommen, um ihren Einfluss auf das Volk zu verhindern.

Willkür

Obwohl das Gefängnis in der Mitte der Stadt Bautzen liegt, drangen nur wenige Informationen über seine wesentliche Funktion nach außen - die Stasi sorgte für eine strenge Abschirmung von der Öffentlichkeit.

Die Inhaftierten waren in kleinen Zellen untergebracht, deren Ausstattung sich ab Mitte der 1960er-Jahre leicht verbesserte. Statt Wandpritschen gab es fortan Bettgestelle mit Matratzen und Wolldecken. 1965 wurde eine Zentralheizung installiert, 1969 bekam jede Zelle eine Toilette und ein Waschbecken. Vorerst gab es nur kaltes Wasser, erst 14 Jahre später wurden Warmwasserleitungen verlegt.

Neben den normalen Zellen gab es noch den Isolationstrakt. Hier waren die Haftbedingungen noch härter: sogenannte "Tigerkäfige" trennten die Zellen. Der Häftling hatte nicht mehr die Möglichkeit auf die Toilette zu gehen und auch zum Fenster hin war ein Gitter. So waren die Inhaftierten vollkommen der Willkür der Wärter ausgesetzt. Wer das Essen verweigerte, randalierte oder auf andere Weise protestierte wurde offiziell bis zu 21 Tage in eine so unterteilte Zelle gesperrt. An die Regelung mit den 21 Tagen hielt man sich in Wahrheit jedoch nicht, nach 21 Tagen gab es laut Akten zwar immer eine Verlegung, oft aber nur von der einen Isolationszelle in eine andere.

Ein einziger Ausbruch

Bei diesen Bedingungen erscheint es nachvollziehbar, dass es Ausbruchversuche gab. Der einzige Inhaftierte, dem der Ausbruch jedoch gelang, war Dieter Hötger, genannt "Tunnel-Dieter". Als 20-Jähriger wurde er wegen Fluchthilfe inhaftiert. Im April 1962 war ihm die Flucht aus der DDR geglückt, noch im selben Jahr grub er mit anderen einen Tunnel von Westberlin aus in die DDR - er wollte auch seine Frau in den Westen holen. Dieser Plan wurde an die Stasi verraten und er landete nach einer Schießerei in Bautzen II.

Am 28 November 1967 gelang ihm der Ausbruch - er löste die einzelnen Steine aus der Mauer in seiner Zelle und konnte so entkommen. Doch die Freiheit währte nicht lange: bereits nach neun Tagen wurde er wieder gefasst. Weitere dreieinhalb Jahre verbrachte er im Gefängnis ehe er im September 1972 er von der Bundsrepublik frei gekauft wurde.

Nach der Wende

Die friedliche Revolution in der DDR hatte auch ihre Auswirkungen auf das Gefängnis in Bautzen. Bereits im Herbst 1989 führten die Montagsdemonstrationen der Bautzener Bevölkerung auch vor die Gebäude des "Stasi-Knasts". Dort stellten sie Kerzen vor den Mauern ab. Am 3. Dezember traten die Häftlinge in Hunger- und Arbeitsstreik. Dies hatte eine erste öffentliche Pressekonferenz zur Folge, auf der die Inhaftierten eine Überprüfung ihrer Urteile forderten. Am 22. Dezember konnten dann die letzten politischen Häftlinge Bautzen II verlassen.

1994 wurde das Gebäude nach fünf Jahren Leerstandes renoviert und zur Gedenkstätte erklärt. Es entstand eine Ausstellung über die Vergangenheit der Haftanstalt. Wegen des Datenschutzes gestaltet sich die Arbeit der Mitarbeiter der Gedenkstätte sehr schwierig. Ehemalige Häftlinge reden nicht gerne über ihre Erlebnisse dort, das Wachpersonal ist in den Akten oft unter falschem Namen genannt und vieles wurde in den letzten Tagen der DDR vertuscht. So ist eine Rückverfolgung der unmenschlichen Behandlung heute kaum mehr möglich. Lediglich ein Prozess konnte bisher geführt werden.


Autorinnen: Iris Holweg / Maria Suchy

Die Autorinnen belegten mit diesem Textbeitrag den 1. Platz (Kategorie Sek II) bei dem Wettbewerb "Schüler schreiben Geschichte", der 2004 erstmalig von der Deutschen Welle und Lehrer-Online ausgerichtet wurde.
   
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