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22.10.1983: 108 Kilometer Menschenkette
"Gegen diese Bedrohung, direkt vor unserer Haustür, mussten wir einfach auf die Straße gehen - der Kalte Krieg auf der Schwäbischen Alb. Da mussten die Menschen zusammen stehen und solidarisch gegen das Wettrüsten demonstrieren. Zeichen setzen", erinnert sich ein Zeitzeuge.

Ein neuer Höhepunkt des Ost-West-Konflikts hatte sich schon seit den 1970er-Jahren über die Frage der Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen abgezeichnet. Die UdSSR rüstete mit SS 20-Raketen auf - Europa lag damit in ihrem Angriffsfeld.

Die Menschen fühlten sich bedroht und in Europa formierte sich eine neue Friedensbewegung. Gegen die Stationierung von US-amerikanischen Atomraketen in der Bundesrepublik Deutschland bildeten Bürgerinnen und Bürger eine Menschenkette - von Stuttgart bis Neu-Ulm. Im gesamten Bundesgebiet nahmen insgesamt 1,3 Mio. Menschen an den Protesten gegen die geplante Stationierung teil. Vergeblich blockierten Mitglieder der Friedensbewegung - darunter viele Prominente - monatelang das US-amerikanische Raketenlager in Mutlangen in Baden-Württemberg.

Zwei Blöcke

Der Konflikt hatte schon Jahrzehnte zuvor begonnen. Seit Anfang 1955 standen sich zwei Blöcke gegenüber: die seit wenigen Jahren bestehende NATO auf der einen und der Warschauer Pakt auf der anderen Seite. Die schlechten Beziehungen dieser beiden Blöcke führten im Herbst 1962 zur Kuba-Krise, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs brachte. Eine erste Entspannungspolitik zeichnete sich erst ab 1969 ab.

Zu Beginn der 1970er-Jahre begannen zwischen den Supermächten die so genannten SALT - Verhandlungen, in denen die Wahrung eines beiderseitigen Gleichgewichts bei den Interkontinental-Raketen vereinbart wurde. Die Mittelstreckenraketen jedoch, bei denen die UdSSR eine zahlenmäßige Überlegenheit hatte und die auf die europäischen NATO-Staaten gerichtet waren, blieben unberücksichtigt. Hinzu kam, dass die damalige Sowjetunion ihre Mittelstreckensysteme ab 1977 mit den sehr viel zielgenaueren und weitreichenderen SS-20-Raketen modernisierte.

Die Frage war: Würden die USA wirklich einen auf Europa begrenzten Angriff mit ihren Interkontinentalraketen beantworten und damit einen atomaren Gegenschlag auf die USA riskieren?

Der NATO-Doppelbeschluss

Im Januar 1979 schließlich einigten sich die Staats- und Regierungschefs der USA, Frankreichs, Großbritanniens und der Bundesrepublik bei einem Vierertreffen auf Guadeloupe darauf, mit der UdSSR unter Androhung einer Nachrüstung über Abrüstung zu verhandeln.

In ihrem am 12. Dezember 1979 gefassten Doppelbeschluss kündigte die NATO an, sie werde 572 US-amerikanische atomare Mittelstreckenraketen in Europa stationieren: 108 vom Typ Pershing II und 464 landgestützte Marschflugkörper. Gleichzeitig bot sie der UdSSR an, auf die Aufstellung der Raketen zu verzichten, wenn man sich über den Abbau atomarer Mittelstreckenraketen einigen könne.

Während in Washington und in Moskau um einen Verhandlungstermin gerungen wurde, kam es in der Bevölkerung der betroffenen NATO-Staaten zu heftigen Widerstandsbewegungen. Da bis Ende 1983 kein Kompromiss zustande kam, begann die Stationierung der US-amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa, wobei die Pershing II ausschließlich in der Bundesrepublik aufgestellt wurde.

Doppel-Null-Lösung

Zu einem Ende des Konflikts kam es erst, als Michail Gorbatschow im März 1985 Staats- und Parteichef der Sowjetunion wurde. Was der NATO-Doppelbeschluss nicht erreicht hatte, kam jetzt zustande: Innerhalb des Jahres 1987 einigten sich die Blöcke in der so genannten Doppel-Null-Lösung über den völligen Abbau der nuklearen Mittelstreckenraketen.


   
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