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5.9.1972: Attentat überschattet Olympiade
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Mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele in München will sich die Bundesrepublik Deutschland im September 1972 der Welt als offene und gefestigte Demokratie präsentieren. Zehn Tage gelingt die Umsetzung des Mottos der "heiteren Spiele" nahezu perfekt. Am frühen Morgen des 5. September 1972 jedoch schlägt die ausgelassene Stimmung in Entsetzen um. Die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" überfällt das israelische Mannschaftsquartier, tötet zwei Sportler und nimmt neun Geiseln gefangen.

Der Silbermedaillengewinner im Tandem-Radsprint Jürgen Geschke erinnerte sich: "Bedrückende Gefühle sind in mir aufgestiegen, weil es unschuldigen Menschen getroffen hat. Sportler sind gestorben von Israel. Das hat mich doch ganz schön bewegt."

Forderungen

Die Terroristen verlangen die Freilassung von über 200 in Israel inhaftierten Palästinensern. Auch die deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sollen freikommen. Die israelische Regierung unter Ministerpräsidentin Golda Meir lehnt jedoch alle Verhandlungen strikt ab. Was diese Entscheidung für die Geiseln bedeutet, ahnt Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber. Er sagte später: "Die Geiseln waren praktisch schon tot, als Israel die Forderungen der Terroristen ablehnte."

Die Bundesregierung bietet Geld in unbegrenzter Höhe an. Innenminister Hans-Dietrich Genscher, sein bayerischer Amtskollege Bruno Merk und Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber übernehmen die Verhandlungen. Doch die Terroristen lassen sich lediglich darauf ein, der Gegenseite mehr Zeit einzuräumen. Genscher, der unbedingt verhindern will, dass auf deutschem Boden nach 1945 erneut Juden ermordet werden, bietet sich selbst als Geisel an. Das lehnt der Verhandlungsführer der Terroristen, der sich den Namen Issa gibt, ab: "Ich werde heute noch für Palästina sterben. Ich bin Soldat, wir sind im Krieg. Sie müssen wissen, dass ich den Tod nicht scheue."

Katastrophe

Die westdeutschen Behörden sind völlig überfordert. Alle Terrorwarnungen, die es im Vorfeld der Spiele gegeben hatte, waren ignoriert worden. Im Laufe des Tages werden auf Druck der israelischen Regierung die Spiele ausgesetzt. Die Einsatzkräfte vor Ort handeln weitgehend planlos. Während die Polizei nicht einmal die genaue Zahl der Geiselnehmer kennt, können sich diese in aller Ruhe per Fernsehen und Radio informieren. Um 17 Uhr ändern die Terroristen ihre Forderung und verlangen nun, in arabisches Gebiet ausgeflogen zu werden.

Zwei Hubschrauber bringen die Palästinenser und ihre Geiseln zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Dort steht eine Boeing 747 mit laufenden Triebwerken, aber ohne Crew bereit. Als die Terroristen das bemerken, kommt es zur Katastrophe. Während sie zurück zu den Helikoptern eilen, eröffnet ein Polizist das Feuer. Es beginnt eine stundenlange Schießerei. Der damalige Sonderfahnder der Kripo München, Heinz Hohensinn dazu: "Es wurde geschossen, und niemand wusste, von wo aus und auf wen."

Konsequenzen

Das Attentat kostet elf israelischen Sportlern, einen deutschen Polizisten und fünf Geiselnehmern das Leben, drei Attentäter werden gefangen genommen. Zwei Tage nach dem Geiseldrama, am Nachmittag des 7. September werden die Spiele von München fortgesetzt. Aber es sind keine heiteren Spiele mehr. Als Konsequenz aus dem Versagen der deutschen Polizei kündigt Innenminister Hans Dietrich Genscher wenige Tage später die Gründung der GSG 9 an, einer Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung.


Autor: Peter Lorenz
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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