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3.10.1906: Der Morsecode SOS
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Ein Schiff, das auf hoher See in Not gerät und Hilfe von anderen sucht, muss gleich mehrere Schwierigkeiten überwinden. Neben den großen Entfernungen, die zu überbrücken sind, gilt es sich über die verschiedenen Sprachen hinaus verständlich machen zu können. Am 3. Oktober 1906 wird daher auf der Internationalen Funkkonferenz in Berlin der einheitliche Morsecode "SOS" eingeführt.

Sicherheitsgewinn

Im Sommer 1909 ist die Slavonia mit hunderten Auswanderern auf dem Weg von Triest nach New York. Doch vor den Azoren rammt das Schiff im dichten Nebel die Klippen und gerät in Seenot. Der Funker der Slavonia sendet "SOS". Es ist das erste Mal, dass dieses seit dem 3. Oktober 1906 international verbindliche Seenotzeichen angewandt wird, und sofort zeigt sich seine Bedeutung: Zwar sinkt die Slavonia, die Passagiere werden jedoch von zwei zu Hilfe eilenden Schiffen gerettet.

Über den enormen Nutzen des Notrufsignals sagte Dr. Albrecht Sauer, Abteilungsleiter Nautik am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven: "Es brachte natürlich für die Seeleute einen riesigen Sicherheitsgewinn, dass SOS, dass Notsignale generell, aber speziell SOS international anerkannt war und sich durchgesetzt hat, denn ohne Funkanlage gelang es doch nur im Sichtbereich andere Schiffe auf sich aufmerksam zu machen."

Problematische Verständigung

Doch auch über Funk geht die Verständigung nicht immer reibungslos. Ein großes Problem ist, dass Schiffe ihre Position nicht genau angeben und somit auch nicht gefunden werden können. Aber auch die Verständigung selbst ist problematisch. Denn die beiden großen Funkgerätehersteller – die britische Marconi Company und die deutsche Telefunken – tragen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihren Konkurrenzkampf zu Lasten der Anwender aus, wie Dr. Albrecht Sauer erläuterte: "Marconi hatte einen Monopolanspruch und hatte seinen Operateuren verboten mit anderen Systemen Kontakt aufzunehmen. Dabei ging es nur um Geld und natürlich auch um die Sorge der Regierung in Abhängigkeit von Marconi zu geraten, Marconi hat bei der britischen Marine erhebliche finanzielle Forderungen gestellt und sich auch verbeten, dass sich irgendjemand in seine Betriebsabläufe einmischt."

Die Marconi-Operateure bedienen sich im Notfall der Buchstabenkombination "CQD" – "Seek you, Distress"/"An alle, Seenot". Im Funkverkehr sticht dieses Signal wenig heraus. Ungeübte Funker können es leicht überhören. Hinzu kommt, dass die Funker häufig überlastet sind mit den privaten Nachrichten der Passagiere. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz – SOS dagegen ist eine außergewöhnliche und damit unmissverständliche Kombination, die auch unter schwierigen Bedingungen herauszuhören ist. Die Bedeutung "Save our Souls" oder "Save our Ship" werden dem Code erst später zugeschrieben.

Der Schock der Titanic-Katastrophe

Doch auch in den folgenden Jahren gibt es große Schiffsunglücke - wie den Untergang der Titanic. Der Funker des nächstgelegenen Schiffes schläft bereits, als der Notruf der Titanic eintrifft, dazu Dr. Albrecht Sauer: "Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es noch keine Regelung der Hörbereitschaft gab. Die Marconi-Operateure unterstanden der Funkgesellschaft, nicht der nautischen Leitung des Schiffes und konnten darüber befinden, wann sie ihren Dienst wahrnehmen und wann nicht."

Noch unter dem Schock der Titanic-Katastrophe wird 1913 das "Internationale Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See" unterzeichnet. Darin ist festgelegt, dass alle Schiffe mit Funk ausgerüstet sein müssen sowie jede halbe Stunde für mindestens 3 Minuten die Frequenzen abgehört werden. So sind nun auch die formalen Voraussetzungen dafür geschaffen, Schiffsunglücke wahrzunehmen.

Drei Buchstaben als internationales Synonym für Hilfe

Jörg Bünting, Vormann auf dem Rettungskreuzer Hermann Helms, bekommt heutzutage manchmal aber auch ganz andere Notrufe zu hören: "Ein ganz schlimmer Notruf ist "Hallo", besonders wenn eine Dame oder eine Frauenstimme "Hallo" schreit und etwas hektisch, dann stehe ich nachts sofort aufrecht in der Koje. Weil, dann hat sie irgendein Problem, kann mit den ganzen Gerätschaften an Bord nicht umgehen, so dass wahrscheinlich was mit ihrem Schipper oder so was ist. Denn Seenot ist ja eine Situation, in der ich nicht mehr alleine klar komme und wo mein Leben und das der anderen irgendwie bedroht ist. Und ob ich nun "Hallo" schreie oder ob ich nun "Mayday" rufe oder "SOS" funke es hat immer die gleiche Bedeutung: Das Schiff und die Menschen auf diesem Schiff sind in absoluter Lebensgefahr."

Heute werden Satellitensysteme zur Verständigung zwischen Schiffen verwendet, und seit 1999 hat auch "SOS" auf den Meeren ausgedient. Der gängige Code für Notsituationen heißt inzwischen "Mayday". Doch "SOS" hat sich auch jenseits der Schifffahrt bewährt. Ob als SOS-Kinderdorf oder als Beschriftung von Notruftelefonen – diese drei Buchstaben stehen als internationales Synonym für Hilfe.



Autorin: Anja Krauss
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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