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7.10.1948: Eine Ente mit Kurvenlage: Der 2CV
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Zunächst gibt es sie nur in grau. Mit dem Ausruf eines Niederländers "Ach, was für ein hässliches Entlein!" hat sie schon bald ihren Spitznamen weg: "Die Ente". Doch schnell hat sich der 2CV gemausert. Aus dem Spottobjekt wird ein Auto mit Symbolwert, später sogar ein rares Kultobjekt.

"Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln (…) bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht. Es muss ausgesprochen gut gefedert sein, so dass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht. (…) Auf das Aussehen des Wagens kommt es dabei überhaupt nicht an." So lautet 1936 der Auftrag des Citroën-Chefs Pierre-Jules Boulanger an seine Konstrukteure.

Ein "ganz kleines Auto"

Drei Jahre später ist der Prototyp TPV – toute petite voiture – fertig: zwei Zylinder, ein Scheinwerfer und 65 km/h Höchstgeschwindigkeit. Doch der Zweite Weltkrieg verhindert die Produktion. Boulanger will seine Idee vom Kleinwagen vor den Deutschen geheim halten und lässt die Prototypen verschrotten. Nur fünf Wagen entgehen gut versteckt und teilweise vergessen dieser Aktion. Obwohl die deutschen Besatzer eigene Entwicklungen verbieten, arbeitet man bei Citroën heimlich an den Plänen weiter.

Nach dem Ende des Zweiten Wektkriegs kann das Modell endlich präsentiert werden. Am 7. Oktober 1948 wird der Wagen, jetzt mit dem Namen 2CV, der Öffentlichkeit vorgestellt. Ulrich Knaack, Autor des Buches "Citroën 2CV – Die Ente. Lebensfreude auf Rädern" sagte darüber: "Die Idee des Kleinwagens war 1948 nicht mehr neu. Aber so durchgezogener Minimalismus war doch eigentlich nicht mehr zeitgemäß, sondern hätte in die Anfangsjahre der Idee vom Volksauto in den 1920ern gepasst. 1948 waren durchaus respektable Autos, insbesondere in der Fachwelt, schon bekannt, die 1940er-Jahre haben gerade in den USA aber auch ab Ende der 1930er Jahre in Europa schon stark die Stromlinienwagen, die modernen geschlossenen Wagen usw. gebracht."

Unschlagbar

Die Neuvorstellung des 2CV wird auf dem Autosalon zunächst belächelt. Doch der Spott hält sich nicht lange, denn der 2CV wird zum Verkaufsschlager. Mitte der 1950er-Jahre muss man bis zu sechs Jahre auf einen Neuwagen warten. Nicht nur der Preis ist unschlagbar – bei Markteinführung kostet der 2CV nur 185.000 alte Franc, umgerechnet knapp 3.600 Euro.

Während die Ente in Frankreich vor allem von der Landbevölkerung gefahren wird, ist sie in Deutschland und den Niederlanden das Studentenauto, verbunden mit einer eindeutigen Haltung: für Nonkonformismus und gegen eine stromlinienförmige Hochglanzwelt, wie Ulrich Knaack sagte: "Im Ausland gibt es diese starke Käuferschicht, die ja gesellschaftlich beachtet wird. Studenten sind zwar möglicherweise arm, aber sie haben eben was zu sagen, oder sie nehmen sich das Recht etwas zu sagen und speziell Mitte der 1960er-Jahre ist es dann soweit, dass dies ein festes Image geworden ist und dann auch etwas auf Frankreich zurückschlägt. Der typische 2CV-Fahrer war jemand, der das als so genannter Nonkonformist tatsächlich bewusst wollte, diesen Minimalismus gab es von Anfang an."

Eine Ente auf Erfolgskurs

Dass Citroën auch am 2CV technische Verbesserungen vornimmt, tut dem keinen Abbruch. Das anfängliche Einheitsgrau weicht einer großen Farbpalette und trendigen Sondermodellen. Spätere Generationen erreichen sogar eine Spitzengeschwindigkeit von 120 km/h. Kein Wunder also, dass sogar James Bond – wenn auch nur notgedrungen – in die Ente umsteigt. In "For your eyes only" entkommt er im gelben 2CV nach wilder Fahrt in Spanien seinen Verfolgern. Auch auf Weltreisen und Rallyes bewährt sich das robuste und vor allem selbst zu reparierende Gefährt, wie zahlreiche Bücher beweisen.

Dennoch wird 1990 die Produktion eingestellt. Knapp vier Millionen Limousinen und über eine Million Kastenwagen sind verkauft. Doch die Legende lebt weiter: Gut erhaltene Modelle werden heute zu Rekordpreisen verkauft. Wer sein altes Modell wieder aufrüsten will, findet auf dem Markt fast jedes Einzelteil bis hin zu ganzen Chassis.

Die Legende lebt weiter

Thomas Franz hat sein berufliches Leben ganz der "Ente" gewidmet. Er betreibt die Firma "2CV-Manufaktur", die die Liebhaberstücke repariert, restauriert oder mit komplett neuen Chassis versieht: "Die Nachfrage nach Chassis ist schon höher als nach einfach nur gebrauchten Teilen, weil das Chassis ist ein Phänomen, was bei der Ente immer eine Schwachstelle war. Da gibt es inzwischen sehr schöne Produkte, die sind feuerverzinkt, die halten ewig und das ist schon eher was, was auch mal eine normale Garage für den Kunden unter die Ente baut. Das ist auch so unser Geschäft, dass wir den Leuten praktisch, ja im Grunde kann man sagen, neue Autos bauen." Und solange es Fans wie Thomas Franz gibt, wird die Ente noch lange im Straßenbild erhalten bleiben.



Autorin: Anja Krauss
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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