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12.10.1990: Das Attentat auf Schäuble
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Mit blutigen Angriffen auf zwei führende Politiker bleibt der Wahlkampf zum ersten gesamtdeutschen Bundestag im Jahr 1990 in unguter Erinnerung. Im April 1990 wird Oskar Lafontaine, SPD-Kandidat und Kohl-Herausforderer, von einer geistig verwirrten Frau mit einem Messer angegriffen und nahe der Halsschlagader verletzt, Lafontaine überlebt. Ein halbes Jahr später, am 12 Oktober 1990, schießt ein geistig verwirrter Täter auf den damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble. Seitdem sitzt Schäuble querschnittsgelähmt im Rollstuhl.

Das Attentat

Am Abend des 12. Oktober 1990 gastiert Wolfgang Schäuble auf seiner Tour zum Bundestagswahlkampf im badischen Oppenau im idyllischen Schwarzwald. Schwer wird es der Innenminister an diesem Abend nicht haben. Die knapp 300 Zuhörer im Oppenauer Gasthof "Bruder" sind fast ausnahmslos Anhänger der CDU. Der Journalist Hans-Peter Schütz hat Wolfgang Schäubles politisches Leben jahrelang begleitet und wird zum Zeugen des Attentats: "Die waren begeistert von ihrem Mann. Er hat in diesem Wahlkreis immer weit über 50 Prozent Stimmen bekommen. Er hat eine Rede gehalten und da haben sie alle total begeistert geklatscht. Das war im Heimatwahlkreis! Das war für ihn keine besonders riskante Geschichte."

Unter den begeisterten Zuhörern ist auch der bereits vorbestrafte 36-jährige Vermessungsgehilfe Dieter Kaufmann. Still und unauffällig verfolgt er die eineinhalbstündige Wahlkampfrede. Als Wolfgang Schäuble gegen 22 Uhr den Gasthof verlassen möchte, zieht Kaufmann aus seiner schwarzen Lederjacke einen kleinen Trommelrevolver. Die Waffe hat er aus dem Jagdschrank seines Vaters entwendet. Kaufmann drückt aus nächster Nähe drei Mal ab.

Tatmotiv Rache

Der erste Schuss trifft Schäuble am Kopf und zertrümmert die rechte Kieferseite. Die zweite Kugel geht direkt in den Rücken und bleibt an der Wirbelsäule stecken. Durch eine schnelle Reaktion kann Schäubles Personenschützer die dritte Kugel abfangen und erleidet einen Bauchstreifschuss. Hans-Peter Schütz erzählt später: "Ich selbst habe es zunächst gar nicht gemerkt. Ich dachte, es sind zwei Ballons geplatzt dort drinnen. Bis er plötzlich vor meinen Füßen lag und sein Bein noch zuckte und er stöhnte ‚Ich spüre mein Bein nicht mehr’. Dann ging die Tür auf, seine Tochter Christine kam herein und schrie, als sie ihren Papa da auf dem Boden liegen sah."

Als Grund für seine Tat gibt Kaufmann später zu Protokoll, er habe sich für den "psychischen und physischen Terror" rächen wollen, den ihm der Staat angetan habe. Schäuble habe er als Zielscheibe seiner Rache gewählt, weil der eine Symbolfigur der Bundesrepublik sei. Noch in der Nacht wird Schäuble in die Freiburger Uniklinik geflogen. Fachärzte kämpfen mehrere Tage um das Leben des Innenministers. Schäuble, der zuvor jede Minute seiner Freizeit mit Tennis, Fußball oder Laufen verbrachte, bleibt mit einer Querschnittslähmung ab dem dritten Brustwirbel abwärts, für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt.

Vollblutpolitiker Schäuble

Schäubles glänzende politische Karriere scheint mit einem Schlag vorbei. Hans-Peter Schütz: "1990 war er der große Hoffnungsträger von Helmut Kohl und auch in diesem Wahlkampf. Zuvor war er Kanzleramtsminister gewesen, jetzt war er Innenminister, er hatte die deutsche Einheit organisiert. Wolfgang Schäuble, das war damals klar, das ist der wichtigste Mann in der Union hinter Helmut Kohl."

Doch Kanzler Kohl muss nicht lange auf seinen Schützling verzichten. Nach nur sechs Wochen stürzt sich Schäuble wieder in seine Arbeit. Ein Ausstieg aus dem politischen Geschäft kommt für den Vollblutpolitiker Schäuble nicht in Frage. Die schnelle Rückkehr in die Politik hilft Schäuble, seine neue Lebenssituation zu ertragen und die Behinderung als Schicksalsschlag zu akzeptieren, wie er selbst im Januar 2009 sagte: "So ist das im Leben. Das kann von einer Sekunde auf die andere ganz anders sein. Das ist aber menschliches Leben. Sie können sich ganz glücklich ins Auto setzen, freuen sich, ins Wochenende zu fahren, erleiden einen Autounfall und alles ist von einer Sekunde auf die andere ganz anders. Manchmal liegen ‚Himmelhochjauchzen’ und ‚zu Tode betrübt’ nah beieinander."

Schäuble bleibt auch nach dem Attentat in zahlreichen Ämtern und Positionen ein Schwergewicht auf der politischen Bühne der Bundesrepublik.



Autor: Marc Hoffmann
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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