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21.10.1997: Umgekippt: Die A-Klasse im Elchtest
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Die Marke Mercedes-Benz steht seit Jahrzehnten für solide Fahrzeugtechnik. Die Präsentation des neuen Maybach auf dem Tokioter Autosalon 1997 steht kurz bevor. Und das neue "Baby" der Sternenschmiede, die A-Klasse, geht in Schweden auf die Teststrecke. Doch die Fahrt verläuft anders als geplant: Der Testfahrer der schwedischen Autozeitschrift "Teknikens Värld", Robert Collin, gerät bei einem extremen Rechts-Links-Lenkmanöver ins Schleudern und das Fahrzeug kippt um.

Henning Wallentowitz, ehemaliger Professor für Fahrzeugtechnik an der RWTH Aachen und Mitentwickler des ESP erinnert sich an diesen folgenreichen Unfall: "Ich habe nachher Bilder bekommen, da sind die Journalisten alle in eine A-Klasse gestiegen und haben einen Spurwechsel gemacht. Dann reißt man das Lenkrad nach links, reißt es wieder nach rechts, um geradeaus zu fahren, dann noch mal nach rechts und zurück und wieder nach links. Beim zweiten Spurwechsel mit sehr heftigen Lenkbewegungen fielen viele Autos um."

Stabilität im Schleudern

In Schweden heißt dieser Test eigentlich "Kindertest". Dabei soll simuliert werden, dass ein Kind plötzlich auf der Fahrbahn auftaucht. Deutsche Medien machen daraus allerdings den "Elchtest", da man angeblich in Schweden stets damit rechnen muss, dass ein Elch auf die Straße tritt. Mercedes-Benz reagiert auf den missglückten Test umgehend: Die Produktion der neuen A-Serie wird sofort gestoppt, eine Rückrufaktion gestartet. Die Kosten sind immens: denn bei Wiederaufnahme der Produktion werden an der Baureihe nicht nur die Spur verbreitert, härtere Federn eingesetzt und die Reifen getauscht.

Ab Februar 1998 wird ein neues elektronisches Stabilitätssystem, kurz ESP, ohne Aufpreis, in die A-Serie eingebaut. Das System war bislang nur bei der S-Klasse serienmäßig, dort allerdings nicht als Stabilisator, sondern um die Auswirkungen des Schleuderns zu unterbinden. Hubert Paulus, Sicherheitsexperte beim ADAC, erläutert die Wirkungsweise des ESP: "ESP-Systeme haben Sensoren im Fahrzeug eingebaut, die die Querbewegung des Fahrzeugs erkennen können. Stellt das elektronische Steuergerät eine Schleuderbewegung fest, das heißt also ein Autofahrer reißt sehr stark am Lenkrad, lenkt dann gleich wieder zurück, dann werden einzelne Räder so abgebremst, dass das Fahrzeug sich selber wieder stabilisiert."

Aus Schaden zum Erfolg

Der Ruf der A-Klasse und der Marke ist angeschlagen, es kursieren zahllose Witze über das kippende Auto. Selbst der viel belächelte Trabi besteht den Test mühelos. Um sein Image zu verbessern, reagiert Daimler schließlich mit der technischen Aufstockung aller Baureihen. In nur zwei Jahren stattet der Autohersteller alle Fahrzeuge mit dem neuen elektronischen Stabilitätssystem aus.

Was als Blamage für den Autoriesen begonnen hat, wird schließlich zum großen Erfolg und setzt zudem neue Maßstäbe in der Fahrzeugsicherheit - die Unfallhäufigkeit der Daimler-Autos sinkt drastisch: um 14 Prozent. Mittlerweile gehört ESP bei vielen Herstellern zum Standard-Sicherheitspaket.

Wie Mercedes-Benz das Desaster mit dem missglückten Elchtest managte, gehört mittlerweile zum Lehrstoff für den Marketing-Nachwuchs. Dabei hielt sich der Stuttgarter Konzern ganz einfach an das alte Sprichwort: "Aus Schaden wird man klug".



Autorin: Nadja Münnich
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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