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27.10.2005: Gewalttätige Proteste in Paris
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Das Wort "Banlieue" bezeichnet wörtlich eigentlich nichts anderes als eine Bannmeile. In Frankreich steht der Begriff jedoch längst für trostlose Vorstädte mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Jugendliche aus den Banlieues sind für die französische Polizei stets verdächtig. Am 27. Oktober 2005 sterben zwei Jugendliche auf der Flucht vor Polizisten im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois. Die Folge: gewalttätige Unruhen in ganz Frankreich.

Eskalation

An den Ausschreitungen beteiligen sich vor allem die Kinder der Zuwanderer aus Nordafrika und Afrika. Sie protestieren gegen die Erniedrigung und Ausgrenzung, die sie in Frankreich tagtäglich erfahren. Zu den Hintergründen der Proteste zitiert das Wochenmagazin "Die Zeit" im November 2005 den französischen Minister zur Förderung der Chancengleichheit, Azouz Begag: "Glauben Sie mir, wenn man ein Araber oder ein Schwarzer ist, ist es nicht leicht, Arbeit zu finden, auch wenn man über einen Hochschulabschluss verfügt."

Die Unruhen erfassen vor allem Vorstädte mit einem hohen Prozentsatz an Migranten. Brennende Autos und Angriffe auf Rathäuser, Schulen und Polizeiwachen prägen die Szene. Am Abend des 30. Oktober explodieren in Clichy-sous-Bois zwei Tränengas-Granaten vor einer voll besetzten Moschee. Ihren unrühmlichen Höhepunkt erreichen die Auseinandersetzungen durch den Tod eines Unbeteiligten. Am 4. November wird im Pariser Vorort Stains der 61-jährige Franzose Jean-Jacques Le Chenadec von einem Demonstranten zusammengeschlagen und erliegt seinen schweren Verletzungen.

Reaktionen

Erst jetzt meldet sich Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac zu Wort und ruft zur Ruhe und zum Dialog auf: "Es ist eine Krise der Vernunft und der Orientierung. Es ist eine Identitätskrise. Wir werden darauf antworten, wir sind standhaft, wir sind im Recht, wir bleiben uns treu – zum Wohle Frankreichs.“ Chirac macht aber auch deutlich, wo er die Grenzen sieht: „Jeder muss die Regeln respektieren. Jeder muss wissen, dass man das Gesetz nicht bricht."

Eine Schlüsselrolle in dem Konflikt nimmt der damalige Innenminister und spätere Präsident Nicolas Sarkozy ein. Zwei Tage vor Beginn der Unruhen hatte Sarkozy in einer Pariser Trabantenstadt vor laufenden Kameras mit markigen Sprüchen gegenüber den Bewohnern der Banlieues für Unmut gesorgt. Am 5. November wiederholt er seine Sichtweise: "Wenn ich sage, dass es sich dabei um Gauner und Lumpenpack handelt, dann bleibe ich dabei. Und das unterschreibe ich auch."

Seine Worte sind wie Öl, das man ins Feuer gießt. Sarkozy wird zur Hassfigur der Jugendlichen, die seinen Rücktritt fordern. Aufrufe zur Mäßigung verhallen ungehört. Selbst im Zentrum von Paris werden Autos angezündet. Um der Lage Herr zu werden, verhängt die französische Regierung unter Premierminister Dominique de Villepin am 8. November den Ausnahmezustand. Der wird am 14. November per Gesetz auf die Dauer von drei Monate ausgedehnt.

Bilanz

Einer offiziellen Bilanz zufolge werden während der Unruhen mehr als 2.800 Menschen vorübergehend festgenommen. Über 8.800 Fahrzeuge gehen in Flammen auf. Staatspräsident Chirac beschwört am 14. November die Einheit der Nation: "Ich will den Kindern aus den Problemvierteln sagen, egal welcher Abstammungen sie auch sein mögen, dass sie alle Söhne und Töchter unserer Republik sind."

Eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität in den Ghettos bringen die Unruhen nicht. Die Pariser Vororte gleichen auch Jahre später noch immer einem Pulverfass. Erneut flackern die Krawalle im November 2007 auf. Wieder sterben zwei Jugendliche - diesmal nach einer Kollision mit einem Streifenwagen der Polizei. Solange Jugendliche aus den Banlieues auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft ohne wirkliche Chance sind, wird Frankreich das Problem seiner Vorstädte wohl nicht loslassen.


Autor: Peter Lorenz
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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