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20.12.1971: Ärzte ohne Grenzen
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Ende der 1960er-Jahre kämpft die afrikanische Provinz Biafra für ihre Unabhängigkeit von Nigeria. Leidtragende dieses Krieges ist die Zivilbevölkerung. Weit über zwei Millionen Menschen kommen ums Leben. Die Weltöffentlichkeit nimmt kaum Notiz von dem Konflikt. Nur das französische Rote Kreuz ist in Biafra, um zu helfen. Doch viele der dort eingesetzten Ärzte, darunter auch Bernard Kouchner, sind mit ihrem Einsatz unzufrieden.

Die Not benennen

Dr. Tankred Stöbe, Arzt und Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen Deutschland meinte dazu: "Was die Ärzte dort vor Ort frustriert hat, war eben dieses Diskretionsgebot des Roten Kreuzes, dass sie helfen durften oder helfen sollten, aber nichts darüber berichten durften. Das hat sie so frustriert, dass sie sagten, um eine Veränderung herbeizuwirken, müssen wir auch darüber reden dürfen."

Zurück in Paris schließt sich die Ärztegruppe um Bernard Kouchner am 20.Dezember 1971 mit der Organisation "Französisch medizinische Katastrophenhilfe" von Raymond Borel zu "Médecins Sans Frontières" - Ärzte ohne Grenzen zusammen. Den Gründern schwebt eine Hilfsorganisation vor, die nicht nur im Krisengebiet hilft, sondern auch die Weltöffentlichkeit über Missstände informiert, wie Tankred Stöbe sagte: "Wir benennen die Not. Wir sagen auch, was wir sehen, was schief läuft. Wir sagen auch, was uns die Patienten sagen, was schief läuft. Aber die Lösungen, da grenzen wir ganz klar ab, das ist nicht unser Metier, die Lösungen müssen andere finden, die politisch Verantwortlichen."

Politische Einmischung?

Der Anspruch ist jedoch nicht leicht in die Tat umzusetzen. "Gut" und "Böse" sind in einem Konflikt nicht immer klar zu benennen. Außerdem führt die Einmischung der Organisation oft dazu, dass sie gar nicht erst in die Konfliktregionen reisen darf. Diskussionen zu Fragen der politischen Einmischung spalten daher bald die "Ärzte ohne Grenzen".

1977 verlässt Kouchner die Organisation, die fortan öffentliche Kritik an Regierungen meidet. Dazu Stöbe: "Das war eine generelle Frage und es ging auch genau darum: Wie neutral soll sich eine Organisation verhalten? Da hat sich die Organisation ganz klar dazu bekannt, dass sie sagen, wir berichten über das Leid, das Elend, die Not der Menschen, aber wir wollen uns nicht politisch einmischen. Da gab es eben verschiedene Meinungen und diejenigen, die sich noch politischer äußern wollten, die konnten sich nicht durchsetzen und haben dann zum Teil auch die Organisation verlassen."

Herausforderung

Die humanitäre Hilfe von "Ärzte ohne Grenzen" jedoch geht weiter. Neben den tausenden lokalen Helfern arbeiten jährlich mehr als 2000 internationale Helfer aus medizinischen und logistischen Bereichen vor Ort. Petra Meyer, die in ihrem Buch "Schmerzgrenzen" einige von ihnen porträtiert hat, meinte: " Angesichts des großen Leides ist die Arbeit natürlich dazu angetan, alles zu geben, was man an Kraft und Energie zur Verfügung hat. Aber es ist auch ganz wichtig, dass die Mitarbeiter auf ihre eigenen Grenzen achten und diese auch ernst nehmen. Viele Helfer gehen mehrfach in Projekte, einfach weil die fachliche Arbeit sehr unterschiedlich ist und natürlich auch eine große Herausforderung darstellt. Ich glaube das zieht sie immer wieder an, zusätzlich zu ihrem Impuls helfen zu wollen.“

Die Organisation leistet nicht nur – wie ihr Name nahe legt - medizinische Notfallhilfe. Sie ist auch präventiv tätig. In Entwicklungsgebieten klärt sie beispielsweise über hygienische Maßnahmen auf. In den Industrieländern unterstützt sie entwicklungspolitische Kampagnen.

Unabhängigkeit, Neutralität, Überparteilichkeit

Für ihr Engagement wird "Ärzte ohne Grenzen" am 10. Dezember 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In seiner Dankesrede berichtet Dr. James Orbinski, damals Präsident der Hilfsorganisation, von den zunehmenden Schwierigkeiten in den Krisenregionen.

Die Bedingungen haben sich seit dem weiter verschlechtert, so dass Tankred Stöbe Hilfe wie auch Helfer immer mehr gefährdet sieht, weil: "Diese Prinzipien geraten immer mehr in Gefahr, nicht nur Sprachrohr für die Menschen in Not zu sein, sondern auch diese Prinzipien Unabhängigkeit, Neutralität, Überparteilichkeit. Dass es immer mehr Konflikte gibt, wo die beteiligten Gruppen vor Ort das nicht mehr respektieren, speziell natürlich Irak, Afghanistan auch Pakistan, wo es ganz schwierig ist, diese humanitären Prinzipien verständlich zu machen und Schutz der humanitären Hilfe zu bekommen. Und das ist bis in Sicherheitsfragen hinein ein großes Problem."



Autorin: Anja Krauss
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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