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9.7.1985: Glykol im Wein
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Golden soll der Wein sein, gepresst aus Trauben, die viel Sonne gesehen haben, und wenn die Auslese im Glas geschwenkt wird, erkennt der Weinfreund an den Schlieren der Glasinnenseite, welch edlen Tropfen er sich gleich einverleiben wird.

Aber die goldene Farbe, die Süße und die leichte Öligkeit des Weins haben nicht immer einen natürlichen Grund. Reichen Sonne und die Güte der angebauten Rebe nicht aus, dann helfen Panscher schon mal kräftig nach.

"Glykol macht den Wein süßer, man kann aus einer Spätlese eine Auslese machen zum Beispiel, was die Süße angeht", sagt einer aus der Branche, der lieber ungenannt sein will.

Denn Glykol ist ein Frostschutzmittel, und es macht den Wein nicht nur sattgelb, süffig und ölig, sondern verursacht je nach Menge: Durchfall, Übelkeit und Krämpfe. Und bei einer Dosis ab 14 Gramm ist Glykol sogar tödlich. Es versteht sich von selbst, dass die Zugabe verboten ist. Doch bei der Aussicht auf höhere Gewinne fallen die Skrupel.

Angekratztes Image

Mitte der 1980er-Jahre wurden in Deutschland mit Glykol versetzte Weine entdeckt. Die Auslesen und Spätlesen kamen vor allen aus Österreich, und importiert hatte sie einer der größten Weinhändler Deutschlands, das Haus Pieroth.

Der anonyme Experte dazu: "Der Name dieser Firma wurde überall genannt, und das Telefon stand nicht still. Wir waren dann gezwungen, diese österreichischen Weine zurückzunehmen und dafür entsprechende deutsche Qualitäten zu liefern. Dies war ein gewaltiges Minusgeschäft natürlich, und die Firma kam dadurch in große Schwierigkeiten, sie stand am Rande des Bankrotts."

Es kam nicht nur dieser Weinhändler in Verruf, sondern eine ganze Branche, auch Winzer, die ihre Weine sauber produzierten, litten unter dem größten Pansch-Skandal des Jahrhunderts und beklagten Einbußen: Das Image des deutschen Weins war kaputt.

Skandalöse Panscherei

Aber auch Ämter und Behörden gerieten ins Kreuzfeuer. So war das zuständige deutsche Ministerium bereits im April von den Kollegen in Österreich über die Panscherei unterrichtet worden, doch dauerte es bis zum 9. Juli, die Weintrinker zu informieren. Drei lange Monate, in denen der giftige Wein weiter vertrieben wurde.

"Es war vor allen Dingen von den Österreichern sehr raffiniert gemacht worden, von den Leuten, die in Österreich Glykol in den Wein getan haben. Interessanterweise habe ich im Nachhinein einmal gelesen, dass der ganze Skandal aufgefallen ist durch einen Buchhalter, der feststellte, dass dieser besagte Winzer in Österreich Glykol gekauft hatte und man fragte sich wofür," so der Experte.

Doch perfekt wurde der Skandal erst, als auch in deutschen Weinen das Frostschutzmittel auftauchte. Wein aus Österreich war mit deutschem verschnitten worden und konnte in den Supermärkten als Auslese oder Spätlese teurer verkauft werden.

Geläutert

Ob all dieser Hiobsbotschaften tranken die Deutschen eine Zeit lang wieder mehr Bier. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen das Weinhaus Pieroth. Nach mehreren Prozessen und Instanzen wurde das Verfahren 1996 eingestellt. Eine individuelle Schuld konnte den Führungskräften nicht nachgewiesen werden, deshalb kamen sie mit Geldstrafen davon. Und der deutsche Weinmarkt?

Dazu der Experte: "Ja, ich würde sagen der Markt ist sauber. Natürlich kann das immer wieder passieren, bei dem einen oder anderen Winzer, da ist niemand vor gefeit. Aber Betrug in dem großen Stil wie damals kann ich mir nicht mehr vorstellen. Die Winzer sind geläutert, und die ganze Branche weiß, wenn so was noch mal vorkommt, das würde einen wahnsinnigen Rückschlag geben, den man so schnell nicht wieder verkraften würde."



Autorin: Gerda Meuer
   
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