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16.7.1918: Ermordung der Zarenfamilie
Um Mitternacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 befahl Yakow Jurowski, der Anführer des Exekutionskommandos, die Zarenfamilie und deren vier Bedienstete in ein kleines Souterrainzimmer an der Seite des Jekaterinburger Ipatjew-Hauses.

Hier hatten die Gefangenen die letzten 87 Tage beengt verbracht: der 50-jährige Exkaiser Nikolai, dessen 46-jährige an Ischias leidende Gattin Alexandra, der bluterkranke Sohn und Thronfolger Alexej, 13 Jahre alt, die Töchter Olga, Tatjana, Maria und Anastasia im Alter von 23 bis 16 Jahren sowie Leibarzt, Leibdiener, Zofe und Koch.

Leise erklärte Jurowski die Störung: Wegen der unsicheren Lage in der Stadt seien die oberen Räume zu gefährlich geworden, sollte es zu Schießereien in den Straßen kommen. Tatsächlich rückte eine antibolschewistische Armee von Weißen und Tausenden ehemaliger tschechischer Kriegsgefangener auf die sibirische Stadt zu. Es war bereits fernes Grollen von Artillerie zu hören gewesen.

Zarenfamilie und deren Getreue mussten sich vor der Rückwand des völlig ausgeräumten Zimmers gruppieren. Er brauche ein Foto, erläuterte Jurowski, denn in Moskau mache man sich Sorgen, dass sie geflohen seien. In der Tasche freilich hatte er einen Colt und Ladestreifen mit sieben Kugeln, unter der Jacke eine langläufige Mauserpistole und weitere zehn Kugeln.

Statt eines Fotografen drängten jetzt pistolenbewehrte Männer in den kleinen Raum, fünf Russen, sechs Letten. Der Anführer las vom Blatt: "Angesichts der Tatsache, dass Ihre Verwandten den Angriff auf Sowjetrussland fortsetzen, hat der Ural-Gebietssowjet beschlossen, Sie zu erschießen."

Nikolai wandte sich noch zu seiner Familie um - da traf ihn die erste Kugel aus dem Colt direkt ins Herz. Was jetzt folgte, war ein minutenlanges Gemetzel im Pulverdampf, mit Bajonetten und Gewehrkolben wurden die Sterbenden bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet.

DW-Redakteur Nikita Jolkver war in jener Stadt, die seit 1990 nicht mehr Swerdlowsk, sondern wieder Jekaterinburg heißt:

"In Jekaterinburg gibt es drei Plätze, die einen Zusammenhang haben mit der Ermordung der Zarenfamilie. Zum einen ist es das ehemalige Ipetjew-Haus, wo die Zarenfamilie umgebracht wurde. Noch in den siebziger Jahren, laut Beschluss des Politbüros der Kommunistischen Partei, wurde dieses Haus abgerissen, um die Spuren zu verwischen. Jetzt steht an dieser Stelle eine kleine, offene Kapelle.

Es ist ein sehr trostloser Eindruck, eine öde Gegend, umgeben von einer Betonwand, mit verschiedenen nicht besonders schönen Graffitis. Es fehlt auch eine größere Tafel oder ein Mahnmal.

Der zweite Ort ist der Platz, wo die Leichen zum ersten Mal vergraben wurden. Die wurden einfach in einen alten Schacht geworfen, im Wald nicht weit von Jekaterinburg, dann wurden ein paar Granaten reingeworfen in der Hoffnung, dass dadurch die Leichen nicht mehr zu erkennen wären.

Am nächsten Tag haben die Bolschewiken aber erkannt, dass dieser Ort doch leicht zu finden sei. Die Leichen wurden wieder herausgeholt und auf einem kleinen Fiat-Lkw ein Stück weiter transportiert. Dieser Lkw blieb stecken nach ein paar Kilometern auf einem Waldweg. So mussten die Bolschewiken die Leichen direkt unter der Dreckstraße begraben. Und an dieser Stelle hat der Geologe Awdonin diese Leichen 1979 gefunden.

Auch an diesen beiden Stellen gibt es keine Monumente oder Gedenktafeln. An dem Schacht hat die Kirche ein eher kleines Kreuz aufgestellt, wo draufsteht, dass hier die sterblichen Überreste der Zarenfamilie lägen. An der Stelle, wo sie tatsächlich waren, also unter der Waldstraße, steht überhaupt nur ein kleines Kreuz, das dieser Geologe Awdonin auf eigene Kosten errichtet hat."

Alexander Nikolajewitsch Awdonin war am 12. Juli 1991, dem Tag der Amtseinführung von Präsident Boris Jelzin, dabei, als das Grab der Romanows geöffnet wurde. Es waren aber äußerst mühsam nur neun Schädel auszumachen. Die des jungen Zarewitsch und einer seiner Schwestern - vermutlich Anastasias - fehlten. Die sollen schon vorher gefunden und in einer Holzkiste nach Brüssel gelangt sein. Dort lagerten die Reliquien in der russisch-orthodoxen Hiobs-Kirche, streng geheim, zum Gedenken an das Martyrium des Zaren Nikolai des Zweiten und dessen Familie. Die vorerst letzte Ruhe haben vermutlich alle in Sankt Petersburg gefunden.

Autor: Norbert Nürnberger
   
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