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9.8.1969: Deutsche Reaktionen auf Manson-Morde
Am 9. August 1969 erlebte die USA ein grauenvolles Blutbad: Fünf Menschen starben in der Hollywood-Welt bei Los Angeles an den Folgen von sieben Schüssen und über 100 brutal ausgeführten Bajonett- und Messerstichen.

Einen Tag später wurden zwei weitere Menschen grausam hingemetzelt. Prominentestes Mordopfer: die im neunten Monat schwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski. Mit Blut schrieben die Täter an die Wände: "Tod den Schweinen". Weltweites Entsetzen.

Für kurze Zeit war unklar, wer die Mörder waren. Dann das Geständnis von Susan Atkins, sie habe Sharon Tate getötet, zusammen mit einigen Mitgliedern der "Manson-Family", einer Gruppe von Hippies um den Anführer Charles Manson. Die Süddeutsche Zeitung schrieb, sie haben "das makabre Ritual des Mordens in Mansons Sex- und Rauschgiftkommune in der südkalifornischen Wüste" gelernt.

Manson selbst bezeichnete sich als Gott, Jesus und Satan zugleich, die Presse nannte ihn Massenmörder, Hippieguru, Dieb, Kuppler, Gefängnis-Gitarrist, einen der bösartigsten Killer, den es je gegeben hat - noch heute ist er "der Teufel".

Die Terminologie der Medien passte sich der Anmaßung Mansons an, der reinkarnierte Christus und Satan zugleich zu sein. Deshalb wurde Linda Kasabian, die einzige Kronzeugin, in den Zeitungen "zum Judas für den Mann, dessen Liebeskommune sie angehörte".

Laut dem Magazin "Spiegel" wuchs sich der Prozess immer mehr aus "zur Travestie einer Verhandlung". Die Szene wurde in zunehmendem Maße zum Happening mit Manson in der Rolle eines "dämonisch verkitschten Kommunarde-Rasputins und dem Hexenchor der infantil singenden und plappernden Kommunemädchen".

1971 verurteilten die zwölf Geschworenen die Angeklagten zum Tode, das Urteil wurde aber drei Jahre später in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Zehn Monate dauerte der Prozess und hat die Steuerzahler fast eine Million Dollar gekostet - der bis dato teuerste und längste Strafprozess, den Nordamerika je gesehen hat.

Das Strafmaß schien dem Massenmörder nichts auszumachen, denn er sagte: "Ihr befindet Euch mehr im Gefängnis als ich es bin."

Die US-amerikanische und deutsche Presse war bemüht, ein Psychogramm des Täters zu entwerfen, um die Hintergründe dieser grausigen Morde zu verstehen. Das Entsetzen erscheint rational und interpretierend wiedergegeben. Immer die Frage nach dem "Warum".

Und noch bohrender: Wie konnte er die jungen Frauen zu einer solchen Tat verleiten? Erklärungsmuster waren die Kombination der Droge LSD mit Mansons charismatischer Persönlichkeit. Ein "vulgärmystisches Bündel von Motiven" wurde als Ursache der Tat angesehen, die Zutaten von Mansons Ersatzreligion für "weggeworfene Kinder" seien "Hexerei, pervertiertes Urchristentum und Urkommunismus, Satanskult, aber in Wirklichkeit stehe die Hippiesubkultur in ihrer alleräußersten Entfremdung vor Gericht".

Um das Grauen zu verstehen, wurde natürlich auch Mansons Vergangenheit auseinandergenommen: Mutter - Teenagerprostituierte, ständig wechselnde Väter, seit seinem 13. Lebensjahr wegen Zuhälterei und Raubüberfällen in Erziehungsanstalten. Anschließend Gefängnis. Dort hatte er auch sein Interesse entdeckt für okkulte Wissenschaften, Scientology und die Assassinen des elften Jahrhunderts.

Manson selbst fühlt sich nicht schuldig an den Morden: "Diese Kinder, die mit Messern über euch kamen, sie sind eure Kinder. Ihr lehret sie. Ich lehrte sie nicht."

Für Manson war die Gesellschaft schuldig. Im Gefängnis ritzte er sich ein Hakenkreuz auf die Stirn und nannte seine Idole: Adolf Hitler, Ayatollah Khomeini, Benito Mussolini und den Schah von Persien. Das Hakenkreuz auf Mansons Stirn wurde in Deutschland besonders beäugt und die Zeitung "Die Welt" schrieb 1982, wieder mit biblischen Bildern: "Sein Kains-Mal ist als Narbe noch immer erkennbar."

Besondere Aufmerksamkeit erhielt in Deutschland das kurz nach dem Prozess erschienene Buch "Helter Skelter". Autor war Mansons Ankläger Vincent Bugliosi. Er beschrieb Parallelen zwischen Manson und Hitler: Beide seien von kleiner Statur, Vegetarier, enttäuschte Künstler mit Hass auf das sie ablehnende bürgerliche Establishment, beide ließen andere töten, beide seien Rassisten, beide schufen sich eine Art Eigenreligion, beide lebten im Wahn, gesandt zu sein und beide scharten Menschen um sich, die ihnen hörig waren. So nah die Parallelen auch sein mögen, dennoch hinkt der Vergleich angesichts der Zahl an ermordeter Menschen.

1999 lebte Charles Manson nach wie vor in Einzelhaft. Der Kriminalfall wurde von vielen als Verbrechen des Jahrhunderts bezeichnet und ist noch immer präsent.

Autorin: Sabine Ochaba
   
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