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13.8.1961: Mauerbau
"Keine besonderen Ereignisse" erwartet der Berliner Verfassungsschutz am 11. August 1961, einem Freitag, für das bestehende Wochenende. Eine folgenschwere Fehleinschätzung. Das wird am Sonntag früh um 1.54 Uhr klar. Am Grenzbahnhof Gesundbrunnen sei jeglicher Zugverkehr zwischen Ost und West eingestellt, erfährt der Diensthabende im West-Berliner Polizeipräsidium. Bei Tagesanbruch zeigt sich die ganze Tragweite dieser Meldung.

Der Bau der Berliner Mauer beginnt. 16 Millionen Deutschen ist der Weg nach Westen abgeschnitten. Die DDR rechtfertigt sich ideologisch: "Die Grenze wo wir stehen, die Waffe in der Hand, ist nicht nur eine Grenze zwischen Land und Land. Das ist die Grenze zwischen gestern und heut."

Tatsächlich ist die DDR in ihrer Existenz bedroht. Bis zu diesem 13. August 1961 haben ihr täglich bis zu 2000 Menschen den Rücken gekehrt, 150.000 seit Jahresbeginn, über zwei Millionen seit Gründung des Arbeiter- und Bauernstaates. Die SED zieht ihre Notbremse und reagiert mit Presslufthämmern und Beton. 155 Kilometer Mauer um West-Berlin unterbrechen Straßen- und Bahnverbindungen, trennen Familien, nehmen Grenzgängern die Arbeit.

Zwei Monate vor dem überraschenden Schlag der DDR hatte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht Gerüchte um eine Grenzabriegelung des Ostens dementiert: "Mir ist nicht bekannt, dass so eine Absicht besteht, da sich Bauarbeiter hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten."

Doch genau das Gegenteil stimmt. Auf Drängen von Walter Ulbricht segnet die Sowjetunion den Mauerbau ab. Erich Honecker organisiert ihn in perfekter Geheimhaltung. Betriebskampfgruppen und Grenzoffiziere, seine Stützen bei der Durchführung dieser Aktion, sind dem Politbüro treu ergeben. Alljährlich werden sie mit Pomp geehrt.

Honecker: "Ihre größte Bewährungsprobe war ihr Einsatz für die Landesverteidigung am 13. August 1961, nicht weit von hier am Brandenburger Tor und überall wo die Staatsgrenze in Berlin-West in stabilen Beton gegossen wurde."

Für Erich Honecker gibt es keinerlei Zweifel: "Mit dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls wurde die Lage in Europa stabilisiert und der Frieden gerettet."

Die Westmächte protestieren gegen die Mauer - mehr nicht. Berliner beiderseits der Grenze erleben die Brutalität der Mauer täglich. Sie zementiert den Höhepunkt des Kalten Krieges.

Tragische Ereignisse steigern Abscheu und Empörung. Elf Tage nach dem Mauerbau stirbt der erste Flüchtling im Kugelhagel. 1962 verblutet der 18-jährige Peter Fechter. DDR-Grenzer überlassen ihn seinem Schicksal, West-Polizei und US-Soldaten müssen hilflos zuschauen, dürfen nicht eingreifen. Im Februar 1989 wird Chris Gueffroy das letzte Opfer eines Mauerschützen.

Die Grenze in Berlin, die deutsche Teilung - sie stehen auch für eine Zäsur in der Deutschlandpolitik. Ersten Passierscheinabkommen folgen Verträge, millionenfache Besuche und offizielle Kontakte zwischen Bundesrepublik und DDR.

Honecker verkennt bis zuletzt, dass die Mauer allmählich ausgehöhlt wird: "Sie wird auch in 50 oder 100 Jahren noch bestehen, so lange die Gründe dafür nicht beseitigt sind."

Nur zehn Monate später steht Berlin Kopf und Bürgermeister Walter Momper an einer durchlöcherten Mauer, die keinen Schrecken mehr verbreitet: "Es ist jetzt ja praktisch ungehinderter Reiseverkehr hier, und unter uns sind viele aus Ost-Berlin. Es ist wirklich die große Freude über diesen Tag, auf den wir 28 Jahre lang gewartet haben - seit dem 13. August 1961."

Im Freudentaumel des Mauerfalls am 9. November geht manch bittere Bilanz unter. Die Zahl der Mauer-Toten wird wohl nie geklärt - für Berlin schwankt sie zwischen 80 und 240. Erich Honecker, Initiator des lange geleugneten Schießbefehls, kann aus Krankheitsgründen nicht belangt werden. Die Mauer wird stückweise gekauft und verschenkt - danach siegt Verdrängen über das Erinnern. Kaum ein zusammenhängendes Stück ist heute noch erhalten.

Häufigste Frage von Berlin-Touristen: "Wo war die Mauer?" Dass das Zusammenwachsen von Ost und West mehr braucht als nur die Öffnung der Grenzen, das wollte 1989 noch niemand wahrhaben.

Autorin: Doris Bulau
   
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