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7.8.1869: Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach
"Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
was fleißige Hände erwarben.

Ja. Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen."

"Deutschland, Ein Wintermärchen" - aus dem ersten Kapitel von Heinrich Heines Satire, geschrieben im Exil. Zur selben Zeit trieben einen anderen Exilanten ähnliche Gedanken um: Karl Marx. Doch was dem einen zur Satire, zur Utopie geriet, das wurde dem anderen zur wissenschaftlichen Theorie. Zum kommunistischen Manifest, das er ungefähr zeitgleich mit verfasste. Diese beiden Pole markieren das Spannungsfeld, in dem rund 20 Jahre später, am 7. August 1869, die Sozialdemokratische Deutsche Arbeiterpartei (SDAP) gegründet wurde.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Deutschland geprägt vom Beginn der Industrialisierung. Probleme, die man vorher nicht gekannt hatte, tauchten auf: Plötzlich gab es Landflucht, die Städte wuchsen in rasendem Tempo. Arbeiter aus entfernten Gebieten, aus Schlesien etwa, wurden angeworben und in Arbeitersiedlungen zusammengepfercht. Es entstand eine ganz neue Gesellschaftsschicht, das Proletariat.

Lohnarbeiter in den neuen Industrien, deren Leben geprägt war von langen Arbeitszeiten, niedrigen Löhnen, Wohnungsnot. Kinderarbeit war nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Politische Heimat

Eine politische Interessenvertretung hatte die Arbeiterklasse zunächst nicht. Ihre Belange wurden nur von den Kirchen und den liberalen Parteien wahrgenommen, doch waren diese zu konservativ strukturiert, um der neuen Klasse eine politische Heimat geben zu können. Als Antwort darauf wurde 1863 von Ferdinand Lasalle der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet.

Den beiden Sozialisten August Bebel und Karl Liebknecht jedoch war die Haltung des ADAV längst nicht entschieden genug. Vor allem die Staatstreue Lasalles, der an den Grundfesten des preußischen Staates nicht rütteln wollte, konnten sie nicht akzeptieren. Dazu kam noch Uneinigkeit in der sogenannten "Deutschen Frage". Während Bebel und Liebknecht die dezentrale "Großdeutsche" Lösung favorisierten, stand Lasalle, fest an der Seite Bismarcks, für die "Kleindeutsche" Lösung ein. Da sie sich in keinem Punkt einig werden konnten, kam es fast zwangsläufig zur Gründung einer neuen Partei.

Am 7. August 1869 wurde dann in Eisenach die Sozialdemokratische Deutsche Arbeiterpartei (SDAP) gegründet. Eine neue Partei, marxistisch ausgerichtet, revolutionär, antiklerikal und pazifistisch. In jeder grundsätzlichen Frage radikaler als der ADAV. Oder anders: Während der ADAV eher einer sozialistischen Utopie anhing, war die neue SDAP eher an der Realisierung eines wissenschaftlichen Sozialismus Marxscher Prägung interessiert.

Politischer Zusammenschluss

Diese unversöhnlichen Gegensätze lösten sich in der Folge scheinbar leicht und beinahe natürlich. Lasalle war bereits seit fünf Jahren tot, und der ADAV hatte mit ihm seinen wichtigsten Theoretiker verloren. Und als mit der Reichsgründung die Kleindeutsche Lösung Bismarcks durchgesetzt wurde, war auch dieser Gegensatz Geschichte. So war es nur konsequent, dass sich ADAV und SDAP zusammenschlossen. 1875 fusionierten sie zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, jene Partei, aus der die SPD hervorging.

Aber den Widerspruch zwischen wissenschaftlichem Sozialismus und sozialistischer Utopie musste die SPD in ihrer Geschichte immer wieder aushalten. Nicht nur, aber selten so deutlich wie in der Weimarer Republik: Die Partei stellte den Reichspräsidenten und stand auch in der Regierungsverantwortung, war aber immer noch der Weltrevolution verpflichtet.

Erstmals geklärt wurde dieser Konflikt 1959, als die SPD mit dem Godesberger Programm den Schritt von der revolutionären Klassenkampf-Partei zur Volkspartei vollzog. Doch auch dies war noch keine endgültige Antwort. Doch es mehrten sich die Zeichen, dass die Zukunft der Sozialdemokratie sehr viel näher an der sozialistischen Utopie eines Heine und Lasalle liegt, als am wissenschaftlichen Sozialismus von Marx.

"Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja. Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen."


Autor: Dirk Kaufmann
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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