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12.9.1949: Wahl des ersten Bundespräsidenten
Als Theodor Heuss am 12. September 1949 als erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland den Eid auf die Verfassung ablegte, war er den meisten Deutschen unbekannt. Den politisch und literarisch Interessierten galt er jedoch als eine profilierte Persönlichkeit.

Heuss, Jahrgang 1884, in Württemberg geboren, hatte in München und Berlin Volkswirtschaft und Kunstgeschichte studiert und in Staatswissenschaften promoviert. Er war Chefredakteur der Neckarzeitung in Heilbronn. Insgesamt sieben Jahre saß Heuss als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei im Weimarer Reichstag. Von den Nationalsozialisten wurde er aus seinem Lehramt entlassen, das er seit 1920 an der Deutschen Hochschule für Politik inne hatte.

Nach 1945 arbeitete er wieder als Journalist und war Kultusminister in Baden und Württemberg, Landtagsabgeordneter, Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei in den drei Westzonen und Mitglied des Parlamentarischen Rates.

Dieser Theodor Heuss war also durchaus kein Anfänger im politischen und parlamentarischen Leben, als er die Bürde des Präsidentenamtes übernahm und sich nach seiner Vereidigung an die Mitglieder des Bundestages, des Bundesrates und der Bundesversammlung wie folgt wandte: "Ich darf an dieser Stelle mit aller Gelassenheit sagen: Dieses Amt wurde von mir nicht in einem unruhigen Ehrgeiz erstrebt. Es ist für mich mit persönlicher Resignation verbunden, denn manche Pläne wissenschaftlicher und literarischer Natur verfliegen mit ihm. Aber ich darf sagen, dass ich noch nie einer Aufgabe ausgewichen bin, wenn die Pflicht es verlangte."

Heuss war von Anbeginn an ein souveräner Präsident, auch wenn der Wille zur Abkehr von Weimar nirgendwo deutlicher wurde in diesem Staat und als in der Neufassung der Position des Staatsoberhauptes. Trotz aller vom Parlamentarischen Rat bewusst verfügten Einschränkungen ist unbestritten, dass Theodor Heuss als Bundespräsident einen wesentlichen Beitrag zur staatlichen Neuwerdung, zur Verankerung der jungen Demokratie und zum Ausgleich zwischen den politischen Lagern geleistet hat.

Ein Instrument, das dem Präsidenten vornehmlich zur Erfüllung seiner Aufgaben zur Verfügung steht, ist das Wort: das Gespräch, die Diskussion, die Ansprache. Heuss erwies sich als ein Meister dieses Instruments, zum Beispiel als er sich am 17. Juni 1953 äußerte, dem Tag, an dem sich die Menschen in Ostberlin und in der DDR gegen ein Gewaltsystem erhoben: "Gebt dem deutschen Menschen, gebt ihm zurück das eingeborene Recht zu seiner staatlichen Selbstgestaltung, zu seiner Freiheit, damit die Verkrampfungen sich lösen, damit Angst und Furcht, Misstrauen und Technik des Hasses den Boden des Vaterlandes verlassen."

Immer wieder gelang es Heuss auch, sich von den Schatten der Vergangenheit zu distanzieren, ohne die Verantwortung in Gegenwart und Zukunft der Deutschen zu leugnen: Etwa in seiner großen Rede zur Einweihung des Mahnmals im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen im Dezember 1952, als er von der notwendigen Kollektiv-Scham anstelle der Kollektiv-Schuld der Deutschen sprach oder zur zehnten Wiederkehr des Aufstandes gegen Hitler am 20. Juli 1944.

Aber auch zu jungen Menschen gelang Theodor Heuss mit seinem immer wieder aufblitzenden Humor der Kontakt, etwa als er vor ihnen über den "Theodor im Fußballtor" - aus einem damals bekannten Schlager - sinnierte. Oder als Heuss, den Theodor W. Adorno einmal einen "Zivilisten durch und durch" nannte - im Gegensatz eben zu Wilhelm II. oder Bismarck -, als dieser Zivilist erst gegen Ende seiner Amtszeit die Bundeswehr besuchte: "Es kann einer sagen - da ja klassische Bildung vorausgesetzt wird. Spät kommt er, doch, er kommt - nämlich der Heuß zur Bundeswehr'."

Diesem Bundespräsidenten war es gegeben, immer und zu jeder Gelegenheit den richtigen Ton und das richtige Wort zu finden, wodurch er - um noch einmal Adorno zu zitieren - "in einem bedeutenden, von keinem sich Anbiedernden und Hemdsärmeligen verunstalteten Sinn, populär geworden ist".

Vertreter aller politischen Parteien bedrängten Heuss am Ende seiner zweiten Amtszeit, unter Änderung des Grundgesetzes noch einmal anzutreten. Heuss legte jedoch größten Wert auf Stabilität und Kontinuität der Verfassung und lehnte ab.

Als er starb, stellte der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier zu Recht vor dem Parlament fest: "Theodor Heuss hat sich um das Vaterland verdient gemacht."

Autor: Dr. Otto Busch
   
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