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13.9.1955: Adenauer in Moskau
Eine Karikatur zeigte den deutschen Bundeskanzler verdrossen und nackt bis auf die Unterhose ins Flugzeug steigen. Auf dem roten Teppich lachend die Sowjet-Größen Bulganin, Chruschtschow und - mit zum V-Zeichen gereckten Fingern - Außenminister Molotow.

Stunden später, nach der Landung seiner viermotorigen Lufthansa-Super-Constellation auf dem Flugplatz Köln-Wahn, freilich ließ sich Konrad Adenauer für die von den Sowjets zugesagte Heimkehr der, wie die Russen es darstellten, letzten deutschen Kriegsgefangenen feiern. Ein altes Mütterchen küsste dem vorgeblich so eisern gebliebenen Kanzler die Hand, gerührt wischte sich der eine oder andere Politiker im Adenauer-Tross die Augen.

Dieser 13. September 1955 ging tatsächlich unter der Aktenaufschrift "Adenauer holt Kriegsgefangene heim" in die Geschichte ein. Dabei hatte der Kanzler lediglich eine mündliche Zusage erhalten. Bauernschlau hatte Parteichef Nikita Chruschtschow dem Deutschen versichert, sein Ehrenwort gelte mehr als alle Aktenschränke des Genossen Molotow zusammen.

Nur 48 Stunden später schwebte noch einmal eine Lufthansa-Maschine mit einer deutschen Staats-Delegation in Moskau ein. Es war die so genannte Lufthansa der so genannten "Deutschen Demokratischen Republik" in Anführungszeichen.

"Wir fliegen zwar nur zweimotorig", hatte der Erste ZK-Sekretär Walter Ulbricht getönt, "bringen dafür aber mehr zurück."

Da war was dran: DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl bekam Brief und Siegel darauf, dass er es sei, auf dessen Fürsprache hin die Gefangenen die Freiheit bekommen würden. Spätestens da dämmerte den Deutschen West, sie seien beim Poker im Kreml womöglich ausgezogen worden. Hatten Bulganin und Chruschtschow ihr Faustpfand, nämlich die Gefangenen freizugeben, schon Grotewohl versprochen, als sie es dem Kanzler gegen die Zusage verkauften, mit Moskau Botschafter auszutauschen?

Das war der wirkliche Anfang der deutschen Zweistaatigkeit, die Besiegelung der deutschen Teilung. Was Wunder, drohte Heinrich von Brentano, dass der Kanzler sich für die bevorstehende Außenministerkonferenz in New York sich einen anderen Außenamtschef suchen möge.

Im übrigen war es der in Moskau eigentlich als Statist vorgesehene SPD-Schöngeist Carlo Schmid gewesen, dem es in einer rhetorischen Meisterleistung gelungen war, in der Spätheimkehrer-Frage das Eis im Kreml zu brechen. Der rotunde Bonvivant hatte sich von Adenauer-Intimus Globke reichlich Olivenöl verabreichen lassen und auf dieser soliden Grundlage sich schon seit Tagen regelrecht ins Herz vor allem Nikita Chuschtschows hineingebechert. Es sollte tatsächlich nützen.

Nur: die 9626 Spätheimkehrer waren ohnehin nur ein kläglicher Rest. Nach amtlichen sowjetischen Quellen waren zwischen Gefangennahme und 1950 über 380.000 deutsche Soldaten im Sowjetreich verschwunden. Im amtlichen Deutschland galten zum selben Zeitpunkt gar mehr als 1,3 Millionen als verschollen. Obendrein bestanden die Sowjets darauf, dass die Gefangenen in ihre Heimatorte entlassen werden. Ostpreußen seien schon mal Sowjetbürger. Und den schwerer Vergehen beschuldigten Verurteilten müsse von deren Heimatbehörden der Prozess gemacht werden. Das war vor allem für Heimkehrer in die DDR kein fröhlicher Empfang.

Autor: Norbert Nürnberger
   
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