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16.9.1984: ARD-Serie "Heimat" startet
Was für ein Kino- und Fernsehereignis war das damals! Die Filmreihe "Heimat" wurde zunächst im Sommer des Jahres 1984 beim Münchner Filmfest gezeigt, dann während des Festivals in Venedig und schließlich ab September als Elf-Teiler im Ersten Deutschen Fernsehen.

Was für eine Offenbarung für alle Cineasten und historisch interessierte Fernsehzuschauer - Edgar Reitz' Epos "Heimat" verschaffte dem deutschen Film das lang ersehnte künstlerische Comeback und gab - scheinbar ganz nebenbei - dem deutschen Volk einen lang vergessenen Begriff zurück: den der "Heimat".

Der hatte jahrzehntelang einen bitteren Beigeschmack. "Heimat" - das klang nach 1945 in den Ohren vieler nach Deutschtümelei, nach nationalen Sehnsüchten.

Edgar Reitz sagte: "Das Wort, das werden die Älteren (…) wissen, war in der Nazizeit auch ein Gegenstand ideologischer Spekulation. Man hat die ganze Blut- und Bodenmythologie der Nazis sehr mit diesem Wort in Verbindung gebracht. Man hat auch die Vorstellungswelt von Deutschtum und die pathetische Haltung gegenüber der Nation versucht, in Verbindung mit diesem deutschen Wort zu bringen."

Die Fernsehserie "Heimat" befreite den Begriff aus der festen Umklammerung der Vergangenheit. "Heimat", das war Mitte der 1980er Jahre viel mehr als ein Fernseh-Ereignis, die Serie löste eine Debatte in den deutschen Feuilletons aus.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb damals: "Neuerdings wird man sagen: 'Heimat' ist ein Film von Edgar Reitz, der das ziemlich heikle Kunststück fertig bringt, Ernst Bloch und Zarah Leander in eins zu denken, als funkelnde Momente deutscher Geschichte. Heimat übersetzt die große deutsche Geschichte in eine Dimension, in der sie der Größe entkleidet wird, nämlich die der kleinen Leute, die ihr Leben in Würde auch ohne Größe führen."

Und im "Stern" hieß es: "Die Fernsehserie von Edgar Reitz hat die Nation zum Diskutieren gebracht. Das Gütesiegel 'Made in Germany', das in Stein gemeißelt im Vorspann des Films selbstbewusst auftaucht, hat eine neue Bedeutung erfahren."

Der Begriff 'Heimat' wurde mit dem Filmereignis auch bei der Linken wieder heimisch. Man konnte sich plötzlich wieder zur eigenen Heimat bekennen, ohne Angst davor haben zu müssen, irrationaler und nationaler Sehnsüchte bezichtigt zu werden.

Edgar Reitz: "Die Geschichten, die hier erzählt werden, und die Landschaften, in der die Handlung stattfindet, ist die Landschaft, in der ich selber geboren und aufgewachsen bin. Das Dorf Schabbach, von dem hier die Rede ist, existiert aber nicht wirklich. Das ist ein erfundenes Dorf, und wir haben da Eindrücke zusammengebaut mit filmischen Mitteln, die aus meiner Erinnerung zu einem typischen Hunsrück-Dorf gehören."

Es war dieses Übereinanderschichten verschiedener Erzählebenen, die Verquickung zwischen großer und kleiner Geschichte, die das Fundament der Serie bildeten. Die Deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts als Hintergrund, die Erlebnisse der Dorfbewohner im Vordergrund.

Edgar Reitz, in den 1960er Jahren einer der Wegbereiter des Neuen Deutschen Films, hatte zuvor nicht all zuviel Glück gehabt mit seinen Kinofilmen. Doch mit seiner "Heimat" katapultierte sich der gebürtige Hunsrücker in die erste Reihe der deutschen Filmemacher. 1992 folgte die noch längere "Zweite Heimat", eine ebenso geniale wie tiefgründige Fortsetzung - Schauplatz diesmal die Stadt. 2004 folgte mit der "Heimat – Chronik einer Zeitwende " der dritte Teil und 2006 der Epilog: "Heimat-Fragmente – Die Frauen".

Autor: Jochen Kürten
   
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