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5.10.1964: Massenflucht durch Berliner Tunnel
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"Die wichtigste Waffe des Grenzsoldaten ist die Wachsamkeit, nicht seine Kalaschnikow, seine wichtigste Waffe ist die Wachsamkeit. Er muss wachsam seinen Dienst verrichten, man muss überall den Gegner im Auge haben, damit ihm persönlich nichts passieren kann." Die Worte des ehemaligen stellvertretenden DDR-Verteidigungsministers Fritz Streletz versagten zwei Tage vor dem 15. Jahrestag der Gründung der DDR.

Strelitzer Straße 55

An diesem Tag verlor Walter Ulbricht an der Berliner Mauer 58 Untertanen, einer von ihnen verlor sein Leben: Der DDR-Unteroffizier Egon Schultz starb am Montag, den 5. Oktober 1964, um 0.15 Uhr vor dem Ost-Berliner Haus Strelitzer Straße 55 unter den Schüssen der eigenen Kameraden, die versuchten, die Flüchtenden aufzuhalten. Er starb am östlichen Eingang einer der Fluchtstollen, die West- und Ost-Berliner seit dem 13. August unter den Sperrwerken der Sektorengrenze hindurch gegraben hatten.

Volksarmisten umstellten den Tunnelausstieg - eine still gelegte Außentoilette - und feuerten 200 Schuss MP-Munition in den Schacht. Doch um diese Zeit waren die Flüchtlinge - 23 Männer, 31 Frauen, drei Kinder samt ihren Helfern - längst in Sicherheit. Das erfolgreichste Fluchtunternehmen dieses Jahres war nach 178 Tagen Vorbereitung zu Ende.

Mauer-Maulwürfe

Am 10. April hatte es begonnen. 30 junge West-Berliner, meist Studenten, taten sich zusammen, um fast doppelt so viele DDR-Bürger unter Mauer, Stacheldraht und 100 Meter Grenzstreifen hindurchzulotsen.

Einer der Fluchthelfer, Hasso Herschel, erinnerte sich: "Wir haben gearbeitet bis zur Erschöpfung, wir waren alle wahnsinnig junge Leute, für uns war das kein Problem (…). Aber wir sahen schon komisch aus: bleich, verschwitzt, ein bisschen blutend, weil wir uns an Steinen, Scherben und Werkzeug verletzten, ausgepowert durch die schlechte Luft."

Als Ausgangspunkt wählten sie den Keller einer stillgelegten Bäckerei im Wedding, Bernauer Straße 97, unmittelbar an der Sektorengrenze. Elf Meter gingen sie in die Tiefe, dann wühlten sie sich 140 Meter weit unter zwei Straßenbreiten und einem Häuserblock hindurch bis zu dem Hinterhof des Ost-Berliner Hauses Strelitzer Straße 55.

Hasso Herschel erinnerte sich: "Wir sind dann die Kellertreppen rauf. Wir hatten einen Spezialisten dabei, der die Türen öffnen konnte, dann haben wir gewartet und pünktlich um 19.25 Uhr sollte die erste Familie kommen - sie kam. Wir hörten das Trappeln von Frauenschuhen, Männerfüßen und die Parole war 'Panzerkreuzer Potemkin'."

Von langer Hand geplant

Die Akteure hatten ihren Plan von langer Hand vorbereitet. West-Berliner CDU-Mitglieder spendeten umgerechnet 15.000 Euro. West-Berliner Reporter hatten sich mit zusätzlich umgerechnet 7.500 Euro die Rechte von den Tunnelgräbern erworben. Mit Hilfe dieses Finanzpolsters erstanden die Fluchthelfer ihre umfangreiche technische Ausrüstung: Grab- und Bohrwerkzeuge, Flaschenzüge, Telefone, Funksprechgeräte und sogar Gasmasken. Technische Hilfe leistete auch die West-Berliner Polizei, die in der Schlussphase des Unternehmens Beobachtungsposten zur Verfügung stellte.

Die Umsichtigkeit der Mauer-Maulwürfe war mehr als notwendig, schließlich hatten Dauerwachposten der Grenzen eindeutige Order. Dank der mutigen Helfer stieg die Zahl der Stollenflüchtlinge, die seit Herbst 1961 ihren Weg in den Westen fanden, auf mehr als 200.

Autorin: Doris Bulau
   
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