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16.10.1906: Der Hauptmann von Köpenick
Ein Vorfall, wie er in der Verbrechergeschichte seinesgleichen sucht - mit dieser Schlagzeilen trumpfte die Berliner Presse anno 1906 auf. Und tatsächlich, die Zeitungsleser trauten ihren Augen nicht, welches Husarenstück sich in Köpenick bei Berlin abgespielt hatte: da holt sich ein dahergelaufener Schuster vom Trödler eine Uniform, und plötzlich steht alle Welt vor ihm stramm.

Der Stadthistoriker Claus-Dieter Sprink rekonstruiert den Tathergang: "Sie müssen sich vorstellen, dass gegen 14.30 Uhr am Bahnhof von Köpenick ein Vorortzug hielt, und diesem Zug entstieg Wilhelm Voigt, verkleidet als Hauptmann von Köpenick, mit insgesamt zehn Soldaten. Und mit diesen Soldaten marschierte er die Bahnhofstraße entlang in Richtung Altstadt, okkupierte das Rathaus und verhaftete den Bürgermeister. Danach ließ er sich die Stadtkasse vorzählen, quittierte insgesamt 4000 Mark und 37 Pfennige und zog mit diesem Geld von dannen, allerdings nicht ohne seiner Wache einen gewissen Obulus zu entrichten, damit sie sich verpflegen und verköstigen konnte."

Eine noble Geste eines kleinen Mannes, der bis zu diesem Zeitpunkt ein durch und durch kriminelles Element war. Von seinen damals 54 Lebensjahren hatte Wilhelm Voigt insgesamt 27 Jahre im Gefängnis verbracht - als Beruf hätte er eher Ganove und Dieb angeben sollen anstatt Schuster. Allerdings war er ziemlich clever.

Claus-Dieter Sprink: "Voigt war - wie man heute sagt - ein ausgeschlafener Bursche, er war sehr ausgebufft. Am Vortag hatte er z.B. die Gegend um das Rathaus ausbaldowert, jeden Gang, jedes Tor, jeden Weg erkundet. Er hat nicht einen Tag in der preußischen Armee gedient, und trotzdem kannte er sich völlig aus mit allen militärischen Regularien. Er hat ja seine Soldaten so geführt, als wäre er wirklich ein alter Hauptmann."

Alle Welt lachte über den preußischen Obrigkeitsstaat. Ein Schuster hatte den unerschütterlichen Glauben an die Uniform und den bedingungslosen Gehorsam bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben - allerdings völlig unbeabsichtig. Das eigentliches Motiv war der verzweifelte Versuch, einen Pass zu bekommen.

Claus-Dieter Sprink:"Nach seiner letzten Entlassung im Jahre 1906, mittlerweile schon 54-jährig, hat er versucht - wie er in seiner Biografie schreibt - das bisschen Leben, das mir noch bleibt, in geordnete Verhältnisse zu bringen. Und er hat versucht, als Schuster unterzukommen, dieses Handwerk hatte er ja im Gefängnis gelernt. Das ist ihm verweigert worden. Er geriet, wie man inzwischen sagen würde, in den Verwaltungskurzschluss: keinen Pass, keine Arbeit, keine Wohnung."

Was Voigt nicht wusste, war, dass im Köpenicker Rathaus gar keine Pässe ausgestellt wurden. Notgedrungen nahm er deshalb mit der Stadtkasse vorlieb. Da er nun aber für seine Verhältnisse viel Geld ausgab, kam die Polizei schnell auf seine Spur, und nach nur zehn Tagen saß Voigt wieder im Gefängnis. Aber diesmal war er ein Held, er hatte die Sympathien des Volkes auf seiner Seite. Sogar der Kaiser zeigte sich amüsiert.

Voigt bekam die besten Verteidiger, die es damals in Deutschland gab, und sie stellten Voigt als das hin, was er war: ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, der unmenschlichen Bürokratie. Voigt muss lediglich für zwei Jahre ins Gefängnis, danach beginnt für ihn ein neues Leben, nämlich das eines Medienstars.

Er tingelt durch alle Länder Europas und sogar durch Amerika. Überall wird er gefeiert als kleiner Mann, der die Großen an der Nase herumgeführt hat. Wilhelm Voigt wird reich und reicher, bis er durch die Inflation alles verliert und schließlich völlig verarmt 1922 in Luxemburg stirbt.

Seine Geschichte aber lebt weiter, es ist der Dramatiker Carl Zuckmayer, der den Hauptmann von Köpenick 1930 mit großem Erfolg als Bühnenstück herausbringt:

Claus-Dieter Sprink: "1930: Am Horizont der heraufziehende braune Sumpf, der wieder in Richtung Militärstat, wieder in Richtung Obrigkeitsstaat ging. In dieser Situation hat sich Zuckmayer entschlossen, dieses, wie er es selber nannte, Märchen zu machen, um vor dem, was da kommen könnte, zu warnen. Die Nazis haben ganz folgerichtig reagiert, sie haben das Stück verboten."

Jahre sind seit jenem 16. Oktober 1906 vergangen, Heinz Rühmann und Harald Juhnke sind die berühmtesten Darsteller dieser Rolle. Und immer wieder gibt es neue Verfilmungen, neue Theaterinszenierungen der so genannten Köpenickiade. Der Militärstaat ist zwar längst abgeschafft, die Bürokratie aber regiert munter weiter. Insofern ist "Der Hauptmann von Köpenick" ein ziemlich zeitloses Thema - leider!

Autorin: Kerstin Schmidt
   
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