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20.10.1971: Friedensnobelpreis Willy Brandt zugesprochen
In den "Erinnerungen" Willy Brandts nimmt der 10. Dezember 1971, der Tag der Verleihung des Friedensnobelpreises, keinen großen Raum ein. Nur ein ganzer Absatz ist diesem Tag gewidmet, an dem Willy Brandt zu Gast in der Universität von Oslo war und den Friedensnobelpreis entgegen nahm. Brandt schrieb: "Im Dezember 1971 nahm ich in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen - eine Anerkennung, die mir nahe ging."

Ein Europa des Friedens zu organisieren und den Weltfrieden zu erhalten - das waren die großen außenpolitischen Ziele der sozialliberalen Regierung Ende der 1960er-Jahre. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises nannte Brandt die Bausteine seiner außenpolitischen Arbeit noch einmal: "Abbau der Spannungen, Zusammenarbeit der Völker, Reduzierung der Truppen und Kontrolle der Rüstungen, Partnerschaft mit den bisher Benachteiligten, gemeinsamer Schutz gegen die gemeinsame Gefahr des Untergangs - das muss möglich sein, daran müssen wir arbeiten."

Politik der kleinen Schritte

Es gehörte zu Brandts Überzeugungen, dass man von den gegebenen Tatsachen ausgehen müsse, wenn man diese verändern wolle - veränderte Realitäten nicht anzuerkennen, könne sich über den Tag hinaus nur leisten, wer von diesen nicht betroffen sei - das galt in seinen Augen vor allem auch für die Deutschlandpolitik. Bereits in seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 hatte er deshalb gefordert, man müsse: "(...) ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern, also versuchen, über ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen. Dies ist nicht nur im deutschen Interesse; denn es hat seine Bedeutung auch für den Frieden in Europa und für das Ost-West-Verhältnis."

Brandts 'neue Ostpolitik' war eine Politik der kleinen Schritte, die sich in vielen Etappen um Vertrauensbildung bei den osteuropäischen Staaten bemühen musste, um schließlich das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten aus seiner Erstarrung zu lösen.

Denn wenn sich die beiden deutschen Staaten auf eine unwiderrufliche Anerkennung der Grenzen in Europa festlegen wollten, dann tangierte das die Rechte der Sowjetunion, die sich aus dem Potsdamer Abkommen ergaben. Deshalb war die Sowjetunion der erste Gesprächspartner der Regierung Brandt. Am 12. August 1970 schließlich wurde in Moskau ein gemeinsamer Vertrag abgeschlossen, der so genannte Moskauer-Vertrag. Im Dezember 1970, also rund ein Jahr vor der Verleihung des Friedensnobelpreises, folgte der Vertrag zwischen Bonn und Warschau. Beide Verträge waren im Kern Gewaltverzichtsabkommen.

Deutsch-deutsche Annäherung

Entscheidende Schritte hin zu einem Vertrag mit dem anderen deutschen Staat waren die gegenseitigen Besuche des Bundeskanzlers Brandt und des Ministerpräsidenten der DDR Willi Stoph im Jahr 1970. Erstmals trafen sich beide am 19. März 1970 in Erfurt, wo Brandt jubelnd von dem Menschen empfangen wurde. Zwei Monate später folgte der Gegenbesuch der DDR-Delegation in Kassel. Die Besuche erbrachten keine konkreten Resultate, doch demonstrierten sie, dass beide deutsche Staaten direkt miteinander kommunizieren wollten.

"Wenn in der Bilanz meiner Wirksamkeit stehen würde, ich hätte einem neuen Realitätssinn in Deutschland den Weg öffnen helfen", so erklärte Brandt in seiner Osloer Rede, "dann hätte sich eine große Hoffnung meines Lebens erfüllt."

Kritik im Inland - Anerkennung aus dem Ausland

Die konservative Opposition in Deutschland hielt jedoch vom Realitätssinn des Bundeskanzlers wenig. Sie kritisierte, der Bundeskanzler betreibe "Beschwichtigungspolitik" und bagatellisiere den diktatorischen Charakter des anderen deutschen Staates. Viel Gegenwind blies der Ostpolitik Brandts in Deutschland selbst entgegen.

Dass die Anerkennung seines Engagements im Ausland ungleich größer war, machte auch die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis deutlich. Und deshalb zeigte sich Brandt in Oslo sehr zufrieden darüber, "(...) dass es mir vergönnt war, nach dem unauslöschlichen Schrecken der Vergangenheit den Namen meines Landes und den Willen zum Frieden in Übereinstimmung gebracht zu sehen (...)".

Autorin: Ute Schaeffer
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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