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18.10.1977: Selbstmord in Stammheim
"Hier ist der Deutschlandfunk mit einer wichtigen Nachricht: Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten 86 Geiseln sind alle glücklich befreit worden wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums soeben in Bonn bestätigte. Ein Spezialkommando des Bundesgrenzschutzes hatte um 00.00 Uhr die Aktion auf den Flughafen von Mogadischu gestartet."

Dienstag, 18. Oktober 1977, kurz nach Mitternacht. Nur wenige Minuten braucht die GSG 9 unter dem Kommando von Ulrich Wegener, um die "Landshut" unter Kontrolle zu bekommen. Drei der vier palästinensischen Terroristen werden erschossen, eine schwer verletzt. Nach einem fünftägigen Irrflug, an den Grenzen ihrer psychischen und physischen Kräfte, rennen, stolpern, sich aneinander klammernd die 86 Geiseln in die Freiheit. Nach fünf Tagen und Nächten der Angst und des Terrors.

Entführung Hanns-Martin Schleyers

Rückblick: Am 5. September 1977 wird Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin
Schleyer in Köln entführt, dabei sterben sein Fahrer und drei Sicherheitsbeamte. Die "Rote Armee Fraktion" (RAF) fordert Freiheit für elf Gesinnungsgenossen, darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe - die führenden Köpfe der ersten Generation der RAF. Für die Bundesregierung steht der Entschluss fest: die Erpresser hinhalten, bis das Schleyer-Versteck gefunden ist. Doch das bleibt unauffindbar.

13. Oktober 1977. Von der Ferieninsel Mallorca startet die Lufthansa-Maschine "Landshut" mit 87 Urlaubern an Bord Richtung Deutschland. Die Maschine fliegt gerade über Marseille, als plötzlich zwei Männer und zwei Frauen aufspringen, mit Handgranaten und Pistolen bewaffnet das Cockpit stürmen.

Die "Landshut" wird gezwungen abzudrehen, Richtung Rom. Die palästinensischen Entführer greifen die Forderung der Schleyer-Kidnapper über die Freilassung der elf Gesinnungsgenossen von der RAF auf.

Derweil sitzt Hanns-Martin Schleyer bereits seit 39 Tagen in einem sogenannten Volksgefängnis. Seine an die Bundesregierung gerichteten Appelle, die per Video-Kassette übermittelt werden, klingen immer dramatischer:

"Ich frage mich in meiner Situation wirklich - muss denn noch etwas geschehen, um endlich zu einer Entscheidung zu kommen. Ich bin jetzt 5 1/2-Wochen in der Haft der Terroristen und nur deshalb, weil ich mich jahrelang für diesen Staat und seine freiheitlich-demokratische Ordnung eingesetzt und exponiert habe. Manchmal kommt mir ein Ausspruch von politischen Stellen wie eine Verhöhnung meiner Tätigkeit vor."

Ultimaten

Bundeskanzler Helmut Schmidt und sein Krisenstab sind sich jedoch einig: Den Terroristen muss doch gezeigt werden, dass es einen Willen gibt, der stärker ist als ihrer. Und dabei bleibt es auch nach der Entführung der "Landshut". Von Rom aus startet die Maschine Richtung Naher Osten und landet dort einen Tag später, am Freitag den 14.Oktober, in Dubai.

Mittlerweile hat Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski das Zepter übernommen: "Der Bundeskanzler hat mir gesagt - Du übernimmst eine Aufgabe, bei der du soviel Vollmachten hast, wie noch niemals jemand gehabt hat."

Die arabischen Hijacker stellen immer neue Ultimaten und terrorisieren ihre völlig erschöpften Geiseln mit Scheinhinrichtungen, brutalen Schlägen und Erniedrigungen. Aus dem westlich orientierten Oman fliegen sie in die Sozialistische Republik Jemen, nach Aden. Sie glauben sich in Freundesland.

Doch der Empfang dort ist mehr als unterkühlt. Klipp und Klar wird ihnen gesagt, dass sie sofort den Jemen zu verlassen haben. Die Maschine nimmt Kurs auf Somalia, nach Mogadischu. Dort sitzt Hans-Jürgen Wischnewski schon im Tower. Zum ersten Mal gibt er eine verbindliche Zusage auf Austausch. Sie glauben den Worten aus dem Tower. Währenddessen bereitet sich die GSG 9 auf ihren Einsatz vor. Um 00.00 Uhr wird die Maschine erfolgreich gestürmt.

Tod in Stammheim

Noch in der gleichen Nacht begehen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord in ihren Zellen in Stammheim. Einen Tag später wird im Kofferraum eines Autos an der deutsch-französischen Grenze die Leiche von Hans-Martin-Schleyer gefunden. Er wurde mit einem Genickschuss regelrecht hingerichtet.

Bei der Trauerfeier wusste scheinbar auch Bundeskanzler Helmut Schmidt um die Zweifel seiner Entscheidungen: "Und wir saßen in der Kirche nebeneinander. Das war sehr schwierig für mich, auch moralisch schwierig, denn mir war völlig klar, dass im Bewusstsein von Frau Schleyer die Bundesregierung und damit ich jedenfalls eine erhebliche Mitschuld hatte an dem Tode ihres Mannes."

Autorin: Doris Bulau
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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